Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Ärger des Monats

27. Februar 2014

Die Preis-Falle

Der Gelbe Engel hat den ADAC in seine bisher größte Krise gestürzt. Erst hatte Kommunikationschef Michael Ramstetter bei der Wahl zum „Lieblingsauto der Deutschen“ die Zahl der abgegebenen Stimmen mal eben so verzehnfacht, dann wurde bekannt, dass auch die Platzierung der Siegerautos wiederholt manipuliert wurde. Das Vertrauen in den ADAC ist im Eimer, und die Autokonzerne geben ihre Gelben Engel zurück.

Geprüfte Fachinfos
im Schnupper-Abo
der Zeitschrift: mit ausgewählten Themen, Experten, Praxistipps
und 30% Preisvorteil.
Erfahren Sie hier mehr.

Der Preis-Gau des ADAC ist beispiellos. Dabei zeigt der Gelbe Engel aber auch wunderbar, wie das Preis-Geschäft funktioniert. Man schreibt eine Auszeichnung aus, prämiert große Konzerne, deren Topmanager dann natürlich auch zur Preisverleihung eilen und mit dem Preis werben können. Der Verleiher des Preises wiederum sonnt sich im Glanz der Promis und unterstreicht so seine Bedeutung. So haben alle etwas vom Spektakel. Der eigentliche Preis ist Nebensache.

Auch wenn sicher nicht bei allen Preisverleihungen so massiv betrogen wird wie beim ADAC, der Preis-Zirkus hat längst absurde Formen angenommen. Da wurde zum Beispiel Ende letzten Jahres in München der Querdenker-Preis vergeben. Ehrenpreise gingen an die Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler, den TV-Moderator Günther Jauch und die Musik-Legende Peter Maffay. Natürlich nahmen die Promis ihren Preis persönlich entgegen. Und wo Promis sind, ist meist auch die Presse nicht fern, und eine bessere PR kann sich der Querdenker-Club als Preisverleiher nicht wünschen. Schließlich geht es um Aufmerksamkeit. Da ist es nur konsequent, dass der Querdenker-Club sogar extra ein 72-seitiges Magazin mit den Presseveröffentlichungen inklusive der Reichweite der entsprechenden Medien herausgegeben hat. Wer sich dagegen für einen der zahlreichen „normalen“ Querdenker-Preise bewerben will, sucht übrigens vergebens nach irgendwelchen Auswahlkriterien. So heißt es etwa beim Querdenker-Innovation-Award lediglich: „Ausgezeichnet werden Produkte, Erfindungen und Technologien aller Bereiche und Branchen.“

Alle Hefte im ÜberblickLeider gibt es inzwischen auch im HR-Bereich eine Flut von Preisen und Auszeichnungen. Manche – zum Beispiel für Nachwuchs-Personaler – sind sicher gut gemeint, andere dienen wohl in erster Linie der PR des Preisverleihers. Besonders geballt ist die Preis-Inflation dabei im Bereich Coaching.

Vom Deutsche Bundesverband Coaching über die International Coach Federation (ICF) bis zum Deutschen Verband für Coaching und Training (DVCT) – es gibt wohl kaum einen Verband, der keinen Preis verleiht und sei es für ein Burnout-Präventionstraining für Mensch mit Hund, wie es der DVCT ausgezeichnet hat. Dazu kommen weitere Coaching-Preise unterschiedlicher Herkunft, zum Beispiel der Coaching Award. Initiator des Preises ist Alexander Maria Faßbender, ein recht illustrer Coach, dessen neuestes Angebot ein „Space Coaching“ ist. Laut Website der German Speaker Association, zu deren Mitgliedern Faßbender gehört, ist er „einer der bekanntesten Coaching-Experten in Europa“. Nach welchen Kriterien der Coaching Award vergeben wird, ist nicht erkennbar. „Die Jury entscheidet, unabhängig von Veröffentlichungen, wer die Auszeichnungen erhält. Jeder kann und darf sich bewerben. So als wenn er sich bei einem Unternehmen als Coach vorstellt“, heißt es auf der Website.

Verliehen wird der Award auf der Coaching Convention, einer schillernden Veranstaltung für Selbstdarsteller aller Couleur vom Coach mit Greifvögeln bis zum Coach als „Arschretter“. Groß scheint die Nachfrage nicht zu sein. „Wir rufen die Verbände und Organisationen auf, sowie deren Mitglieder auf. Wir rufen jeden auf der einen Coach kennt. Wir rufen jedes Unternehmen auf in dem Coaching betrieben wird. Wir rufen alle die Menschen auf, die Coaches sind oder mit Coaching zu tun hat“, fleht der Veranstalter in äußerst holprigem Deutsch.

Doch Preise werden nicht nur vergeben, um dem Preisverleiher und dem Preisträger zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Manchmal steckt dahinter auch ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell. Wie das geht, zeigt das Unternehmen Compamedia, das sich als „Mentor des Mittelstands“ bezeichnet. Gekürt werden unter anderem bei „Top Job“ die hundert besten Arbeitgeber im Mittelstand und bei „Top Consultant“ die besten Berater für den Mittelstand, wozu auch Top-Coaches gehören. Sinn und Zweck des Wettbewerbs sei eine „nachhaltige Qualitätsförderung auf dem Gebiet der Beratung“, schreibt Compamedia.

Was den meisten Mittelständlern, die die Auszeichnungen ernst nehmen, nicht bewusst sein dürfte: Wer an den „Wettbewerben“ teilnehmen will, muss zahlen und zwar nicht gerade wenig. Beim „Top Consultant“ liegt die Startgebühr bei 999 Euro plus Mehrsteuer. Dafür bekommt man einen „garantierten Gewinn“ für seine Investition. So befragt ein Team um Dietmar Fink, Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, den Berater und seine Referenzkunden zu seiner Beratungsleistung und erstellt eine individuelle Analyse.

Wer dann zum Top-Consultant oder Top-Coach gekürt wird und noch mal 4.200 Euro drauflegt, bekommt das Qualitätssiegel „Top Consultant“ sowie weitere Zusatzleistungen wie Direktmarketing, die Listung im Pocket-Guide „Die besten Berater für den Mittelstand“ und ein Siegerfoto mit Hans Eichel. Der ehemalige Finanzminister ist Mentor des „Wettbewerbs“ und schwärmt in höchsten Tönen von den Compamedia-Projekten. „Dahinter stecken 20 Jahre Expertise und eine ausgeprägte Leidenschaft für den Mittelstand.“ Mit dem Wettbewerb erhalte der Mittelständler „die nötige Orientierungshilfe, denn auf das Urteil von Compamedia vertraut der Mittelstand“, so Eichel.

Ob Herr Eichel weiß, was er da lobpreist? So wurde 2013 Sonja Bos als Top-Coach ausgezeichnet und Compamedia schwärmte: „Die gebürtige Westerwälderin Sonja Bos ist somit eine der besten Coaches in Deutschland für den Mittelstand.“ Doch wer auf ihre Website schaut, reibt sich verwundert die Augen. Grundlage für ihre Potentialanalysen ist die Physiognomik, die Konstitutionstypologie und chinesisches Face-Reading – kurz wissenschaftlicher Humbug in Reinkultur, ausgezeichnet unter der wissenschaftlichen Leitung des Hochschulprofessors Dietmar Fink und promotet vom ehemaligen Finanzminister Hans Eichel. Armer Mittelstand!

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weitere Infos zum Fachmagazin:

Zur Ausgabe „Arbeitswelt der Vielfalt“

Zum Schnupper-Abo der Wirtschaftspsychologie aktuell

Zur Newsletter-Anmeldung

Zum Archiv Ärger des Monats