Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Ärger des Monats

6. November 2013

Gut gemeint, aber leider daneben

Über 300 Coaching-Ausbildungen gibt es in Deutschland. Das reicht von ein paar Wochenendkursen bis zur einjährigen Intensivausbildung. Von der Vermittlung esoterischer Methoden bis zum Training fundierter Interventionstools. Wer die Angebote vergleichen will, vergleicht daher zwangsläufig Äpfel mit Birnen. Das hat die Stiftung Warentest nun vor kurzem versucht. Dabei wurden zunächst einmal die Kriterien für die zu bewertenden Ausbildungen so eng gesetzt, dass vermutlich nicht sehr viel mehr als die acht ausgewählten Lehrgänge übrig blieben. Die mussten unter anderem zwischen Juli und November 2011 starten, durften maximal 6000 Euro kosten und mussten – besonders seltsam – in einer Stadt mit mindestens 120.000 Einwohnern stattfinden. Dabei habe man sich auf Business Coaching konzentriert, heißt es.

Getestet wurden Inhalt, Vermittlung, Lehrmaterial sowie Kursorganisation, Kundeninformation und Vertragsbedingungen. Wie seriös und brauchbar die vermittelten Methoden sind, wurde nicht berücksichtigt. Ebenso wenig, welche Voraussetzungen man braucht und was man damit anfangen kann. Das erinnert an die Zertifizierung von Schwimmwesten aus Blei. Gibt der Produzent an, dass seine Schwimmwesten aus Blei sind und sind sie es auch, wird das Produkt zertifiziert. Ob die Schwimmweste auch vor dem Ertrinken rettet, spielt keine Rolle.

Carsten C. Schermuly: SchnellWissen Führung

Auf dem Coaching-Markt zählen vor allem die Akzeptanz und die Reputation des Ausbildungsanbieters – und die hängt natürlich auch wieder von der Qualifikation der Teilnehmer und den vermittelten Methoden ab. Nur wenn die gegeben sind, hat der Coach überhaupt eine Chance, Coaching-Aufträge von Unternehmen zu bekommen. Denn das ist die größte Krux auf dem boomenden Markt. Kaum jemand kann vom Business-Coaching allein leben, viele Neueinsteiger scheitern daher gnadenlos. Laut der aktuellen Coaching-Studie der Universität Marburg, bei der 2012 über tausend Coaches befragt wurden, gaben lediglich acht Prozent an, vom Coaching allein zu leben. Die Zahl stagniert seit 2011.

Getestet hat die Stiftung Warentest zum Beispiel den bisher von der Thalamus Heilpraktikerschule in Hamburg angebotenen Lehrgang „Systemisches Coaching und Aufstellungsarbeit“. Da heißt es: „Die Voraussetzung zur Teilnahme an der Ausbildung ist ein Vorgespräch“. Sonst nichts. Keine Ausbildung, keine Berufserfahrung, kein Studium. Nach 150 Stunden ist man Coach. Besonderheiten der Ausbildung laut Stiftung Warentest: „In jedem Modul Konzentrations- und Bewegungsübungen, z.B. Meditation und Tanz.“ Und was soll der Verbraucher bitte mit dem Fazit „Mit viel Aufstellungsarbeit“ anfangen? Ist das gut oder schlecht? Wesentlich interessanter wäre es da zu erfahren, welche Chance der frisch gebackene Aufstellungs-Coach auf dem Markt hat.

Doch den Vorwurf, dass man sich so manche Ausbildung wohl eher sparen könnte, wenn man als Coach auch wirtschaftlich erfolgreich sein will, weisen die Tester zurück. Man prüfe ja auch nicht, ob jemand ein Smartphone braucht. Hier liegt meines Erachtens ein entscheidender Denkfehler. Wer ein Smartphone kauft, will damit telefonieren, surfen oder Musik hören. Ob und wie gut ein Modell das kann, erfährt er durch die Tests. Wer eine Coaching-Ausbildung absolviert, macht das selten nur zum Vergnügen, zumal wenn er dafür einige tausend Euro hinblättert. Er will danach als Coach tätig sein und damit Geld verdienen. Doch dafür liefern ihm die Tester keine Hinweise.

Angegeben wurde auch, ob die getesteten Ausbildungen von einem der mehr als 20 Coaching-Verbände zertifiziert wurden. Dass sich die Stiftung Warentest dabei ausgerechnet einen Verband auswählt, dessen Präsident in der Szene seit Jahren umstritten ist, zeugt wohl vor allem von der mangelhaften Recherche und der mangelnden Marktkenntnis des Fachgutachters, auf den sich die Tester verlassen haben und dessen Name bleibt natürlich streng geheim. Schade!

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weitere Infos zum Fachmagazin:

Zur Ausgabe „Karriere im Wandel“

Zum Schnupper-Abo der Wirtschaftspsychologie aktuell

Zur Newsletter-Anmeldung

Zum Archiv Ärger des Monats