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Ärger des Monats

8. April 2013

Karrierewechsel ist kein Kinderspiel

Keine Frage, viele sind unzufrieden mit ihrem Job. Der Chef nervt, das Gehalt ist lächerlich und täglich gibt es im Büro neuen Frust mit den Kollegen. Da fragt sich so mancher, ob er nicht einfach mal was ganz anderes machen sollte, etwas wovon er schon immer geträumt hat. Zum Beispiel Mode entwerfen, als Arzt arbeiten oder einen Weinladen eröffnen. Alles kein Problem, glaubt man etlichen selbst ernannten Karriereberatern und zahlreichen Medienberichten. Seit Jahren propagieren unzählige Bücher und Zeitungsartikel, sich doch endlich seinen Traumjob zu suchen statt weiter an seinem Arbeitsplatz zu versauern. Da kündigt eine Bankmanagerin ihren Job, um einen Kochbuch-Laden zu eröffnen oder ein Arzt wird LKW-Fahrer und alle sind glücklich. Je spektakulärer der Jobwechsel umso besser – auch für die in den Medien zitierten Karriereberater.

Doch ganz so einfach der radikale Wechsel nicht. Umso ärgerlicher ist es, wenn Karriereberater ihn als Kinderspiel darstellen. Erst vor kurzem war eine „Berufswechselanleitung in zehn Schritten“ von „Berufsfindungsberaterin“ Uta Glaubitz bei Spiegel online zu lesen. „Wenn Sie das Gefühl haben, Sie sind im aktuellen Beruf grundsätzlich falsch, gehen Sie zu Schritt zwei“, beginnt der Text. Dabei soll man sich überlegen, was einem wirklich Spaß macht und Berufsideen sammeln. Hobbys seien dabei schon ein guter Ausgangspunkt. Nun das Ziel auf ein großes Blatt Papier schreiben („Ich werde Kinderärztin.“), sich den Weg dorthin überlegen, noch mal kurz in sich gehen und dann einfach kündigen. Der Artikel sei ungefähr so informativ und tiefgängig wie das Horoskop der Zeitung mit den vier großen roten Buchstaben, kommentierte ein Leser das ärgerliche Stück.

Kein Wort dazu, dass man zuerst mal seine Kompetenzen und Fähigkeiten überprüfen sollte. Ein kurzsichtiger IT-Spezialist kann nun mal kein Pilot werden. Und wer sich schwer tut, fremde Menschen anzusprechen, ist bei einem Vertriebsjob fehl am Platz. Kein Wort auch darüber, dass man seinen vermeintlichen Traumjob erst mal an der Realität überprüfen sollte. Schließlich hat auch der schönste Job seine Schattenseiten. Den Vogel schießt Glaubitz jedoch mit ihrem Punkt 7 ab. „Sie haben jetzt ihren beruflichen Plan. (…) Am besten, Sie erzählen zunächst niemandem davon. Damit appellieren Sie nur an die Veränderungsängste der anderen.“ Klar, wäre auch wirklich dumm, wenn einen jemand drauf aufmerksam machen würde, wie unrealistisch der geplante Wechsel ist.

Dabei ist Glaubitz keineswegs allein. Auch andere Karriereberater sind längst auf den Mythos vom mal eben so realisierbaren Traumjob aufgesprungen. Angelika Guldner hilft Unzufriedenen, ihren „Ruf aus dem Inneren“ zu finden und ihre Berufung „mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften zu leben.“ Dazu müssen sie sich mit ihren Träumen „aus dem tieferen Schichten des Unterbewusstseins beschäftigen“ und die „Seele um Unterstützung und Inspiration“ bieten. Das klingt schwer nach Esoterik. Aber schließlich hat die Psychologin auch eine Ausbildung in Astrologie und Feng-Shui. Beate Westphal wiederum hat sich als Traumjob-Detektivin positioniert, die in ihrem Café in Berlin nicht nur Kekse backt, sondern auch Menschen bei der Suche nach ihrem Traumjob berät. „Wenn ich auf eine Party gehe, zu welcher Gruppe von Menschen würde ich mich stellen?“ – lautet eine ihrer Ideen zum Aufspüren des Traumjobs.

Wer seine Erfüllung im Job sucht, sollte sich lieber nicht nur auf Schmalspur-Psychologie und Hauruck-Strategien verlassen, sondern systematisch vorgehen. Am Anfang jeder guten Beratung steht eine ausführliche Diagnose. Warum bin ich unzufrieden? Liegt es an der Tätigkeit, dem Chef oder der Branche? Oder passt mein Job einfach nicht zu meiner Persönlichkeit? Schon nach einer sorgfältigen Analyse entpuppt sich so mancher vermeintliche neue Traumjob schnell als Rohrkrepierer. Für die meisten genügt es auch schon, eine andere Aufgabe in ihrem Job zu übernehmen oder sich in eine andere Abteilung versetzen zu lassen. Karrieretuning statt Karrierewechsel. Natürlich gibt es auch die Traumjob-Erfolgsgeschichten, aber sie sind eher die Ausnahme. Nur von den vielen, die hochmotiviert an der Realität scheitern, berichtet natürlich keiner.

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


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