Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Neues eDossier: Stress bewältigen
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Neues eDossier: Stress bewältigen Wirtschaftspsychologie aktuell

Ärger des Monats

15. Februar 2013

Kein Job ohne Facebook?

Wenn es um Facebook geht, werden Datenschützer schon mal deutlich. Dann ist von der Datenkrake oder gar der Kannibalisierung des Individuums die Rede. Schließlich sucht das Unternehmen nach immer neuen Möglichkeiten, wie es mit den Daten von einer Milliarde Mitgliedern möglichst viel Geld machen kann. Auf Datenschutz pfeift CEO Mark Zuckerberg dabei gern. Als der 25-jährige Österreicher Max Schrems von Facebook wissen wollte, was man dort über ihn gespeichert hat, erhielt er – nach mehreren Wochen und 21 Mails – 1.222 eng bedruckte PDF-Seiten, darunter gegen seinen Willen gespeicherte sensible Informationen, die gegen ihn verwendet werden könnten.

Auch Unternehmen nutzen Social Media längst zur Ansprache von potenziellen Mitarbeitern. Sie präsentieren sich auf Xing oder Facebook und twittern. Dabei finden es Bewerber – so zumindest zeigen es einige Studien – eher abschreckend, wenn Unternehmen in privaten sozialen Netzwerken um Mitarbeiter werben. Und natürlich suchen Personaler auf Facebook und Co auch nach zusätzlichen Informationen über Bewerber oder überprüfen deren Angaben.

Doch das Missbrauchspotential ist groß. Weblining nennt man es heute, wenn Menschen wegen ihrer digitalen Informationen ausgegrenzt werden. So lässt sich schon heute über Facebook-Daten errechnen, ob jemand homosexuell ist, ohne dass er dies selbst erwähnt hat, schrieb die ZEIT vor kurzem. Mit Facebooks neuer Graph Search eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten, in der Privatsphäre der Mitglieder herumzuschnüffeln und anhand beliebiger Merkmale Profile erstellen, was sich natürlich auch für die Bewerbersuche nutzen lässt. Da kann man etwa Single-Frauen herausfiltern, die im Verkauf arbeiten und viele männliche Freunde haben. Datenschützer finden das gar nicht toll. Facebook-Kritiker Thilo Weichert gibt daher sogar den radikalen Rat: „Hände weg von Facebook."

Verwundert reibt man sich da die Augen über ein neues Forschungsprojekt „EfficientRecruiting 2.0 – Effizientes Recruiting von Fachkräften im Web 2.0“. Bisher sei die Personalauswahl in den sozialen Netzwerken meist mit einer Suche nach Stichpunkten erfolgt und basiere damit einzig und allein auf der Übereinstimmung von Begriffen. Damit könne aber nur die fachliche Eignung eines Bewerbers überprüft werden, schreibt Dr. Ricardo Büttner, Professor für Wirtschaftsinformatik, Organisation und Personal an der FOM Hochschule. Ob die Persönlichkeit eines Kandidaten zum Unternehmen oder auch in die Teamstruktur passt, welche Ziele und Interessen der Kandidat verfolgt, könne nur durch weitere manuelle kosten- und zeitaufwendige Auswahlschritte überprüft werden. Das will der Wirtschaftsinformatiker nun ändern.

Denn aus sozialen Netzwerken ließe sich auch die Persönlichkeit eines Kandidaten ablesen. Voruntersuchungen von Psychologen zeigten, dass von bestimmten Verhaltensweisen eines Netzwerkmitgliedes (zum Beispiel der Häufigkeit von Blogeinträgen oder der Anzahl von Kontakten und Gruppen) Rückschlüsse auf dessen Ziele und Interessen möglich sind. So reduziere sich ein großer Pool an potenziellen Kandidaten mit fachlicher Eignung schnell und kostengünstig auf einige wenige optimal passende Kandidaten, schreibt der Professor weiter. Wer übrig bleibt, den könne man ja im Anschluss noch intensiver überprüfen. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Mit dabei sind unter anderem der Rüstungskonzern EADS und die Anwaltssozietät Taylor Wessing Deutschland.

Nun mag die Nutzung von Facebook und Co durchaus Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Nutzers zulassen. Nur wie valide diese sind, ist fraglich. Vor kurzem fanden US-Forscher zum Beispiel heraus, dass die intensive Nutzung von Facebook zu einer geringeren Selbstkontrolle führt. Die Vielnutzer waren dicker, weniger kreditwürdig und hatten höhere Schulden. Hoffentlich beziehen die Recruiter solche Erkenntnisse auch mit ein.

Und dann bleibt natürlich noch die Frage: Was ist mit Bewerbern, die bewusst auf ihre Präsenz bei Facebook verzichten oder dort nur sehr spärlich Daten freigeben? Fallen die automatisch durchs Raster? Ganz zu schweigen von dem möglichen Verstoß gegen den Datenschutz. Um den Arbeitnehmerdatenschutz sicher zu stellen, würden nur die Daten aus den sozialen Netzwerken verwendet, die die Nutzer für „diesen Zweck“ auch freigeben, schreibt der Professor. Doch welcher Bewerber gibt seine privaten Daten wissentlich dafür frei, dass Unternehmen fragwürdige Schlüsse aus seinen Kontakten ziehen?

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2013. Alle Rechte vorbehalten.

Weitere Infos zum Fachmagazin:

Zur neuen Ausgabe „Personalmanagement der Zukunft“

Zum Schnupper-Abo der Wirtschaftspsychologie aktuell

Zur Newsletter-Anmeldung

Zum Archiv Ärger des Monats