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Ärger des Monats

4. Dezember 2012

Auf Brautschau

Der War for Talents tobt. Zumindest bei den Beratungsfirmen und PR-Agenturen, die im Employer Branding ein lukratives Geschäftsfeld entdeckt haben. Denn ein Unternehmen, das eine attraktive Arbeitgebermarke hat, zieht mehr Talente an. Zwar deuten die zahlreichen Ranglisten der beliebtesten Arbeitgeber darauf hin, dass es hier eher um das Produktimage geht, aber die Sache funktioniert: Wer ein tolles Auto herstellt, der muss auch ein toller Arbeitgeber sein.

Das macht es natürlich schwer für Firmen, die keine tollen Produkte haben. Doch für die gibt es zum Glück unzählige Dienstleister, die ihnen beim Aufhübschen ihres Arbeitgeber-Images helfen. Das ist an sich eine gute Sache. Schließlich wissen viele Firmen gar nicht, welche Schokoladenseiten sie haben und können potenzielle Mitarbeiter daher auch nicht damit locken. Es gebe immer Merkmale, die man „verschönern“ kann, wirbt SCOPAR Scientific Consulting Partners. „Putzen Sie sich heraus für die Brautschau. Unser Team unterstützt sie bei den Vorbereitungen zu Ihrer persönlichen ‚Brautschau‘ und hilft Ihnen, auch noch die ‚Silberhochzeit‘ zu feiern.“ Ein gewagtes Versprechen!

Andere Berater setzen bei der Eheanbahnung zwischen Unternehmen und Mitarbeiter sogar auf die Quantenphysik. So wirbt Beam Consulting mit einem datenbasierten Employer Branding 3.0, bei dem man herkömmliche Datenerhebungs- und Analysemodelle mit Gleichungssystemen anderer wissenschaftlicher Disziplinen wie etwa der Quantenphysik kombiniert habe. „Unser Modell schafft eine bisher nicht dagewesene Transparenz, eine Art tiefenpsychologische Durchdringung der Wertinterpretationen, der Fachabteilungen, der Mitarbeiter, der Bewerber, der Talente und der Kunden“, wirbt die Beratung.

„Tiefenpsychologische Durchdringung“ klingt schon mal gut, aber noch besser – und vor allem zeitgemäßer – ist natürlich Neurowissenschaft. Auf die setzt die Werbeagentur Publicis und hat den NeuroIPS entwickelt, eine „innovative Methode des Neuromarketings“. Auf der Homepage kann man dabei testen, welcher Employer-Branding-Typ man ist. Dahinter verbirgt sich ein seltsamer Test, bei dem man Aufgaben zu verschiedenen Kreisen, Quadraten, Dreiecken, Linien und Farben bearbeiten muss. Meine Auswertung zeigt, dass harmonische Beziehungen mir in meinem Leben sehr wichtig sind. Und meine diagnostizierten, charakteristischen Wesenszüge beeinflussen wiederum stark, wie ich den Büroalltag wahrnehme, wird mir erklärt. Nur was hat das mit Employer Branding zu tun hat? „Unser Vorgehen entwickeln wir als Handlungsempfehlung aus der Neurowissenschaft heraus von der über die Diagnostik, über ein strategisches Konzept bis hin zur Umsetzung in den Kommunikationsmaßnahmen“, schreiben die Werber in bemerkenswert holprigem Deutsch. Irgendwie scheint das alles nicht so einfach zu sein mit dem Employer Branding.

So verblüffte auch die Personalberatung Kienbaum vor kurzem mit folgender bahnbrechender Erkenntnis: „58 Prozent der Unternehmen, bei denen der Personalbereich über eine eigene Einheit für Employer Branding und Personalmarketing verfügt, und 56 Prozent der Befragten, bei denen eine ausgearbeitete Strategie für Employer Branding und Personalmarketing vorhanden ist, schätzen sich SELBST als attraktiver Arbeitgeber ein.“ Über den Sinn der Aussage hat wohl keiner nachgedacht. Wer sich schön anzieht, fühlt sich auch schön. Nur ob der Umworbene das auch so sieht, steht auf einer ganz anderen Karte. Aber für den interessieren sich die Berater ja nicht.

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


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