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Ärger des Monats

1. November 2012

Studien-Unsinn

Ob Coaches, Weiterbildungsinstitute oder Beratungsfirmen, wer auf sich aufmerksam machen möchte, veröffentlicht eine „Studie“. Oftmals verbirgt sich dahinter zwar nur eine Umfrage bei ein paar Kunden, aber meist klappt es. Die Medien nehmen das Studienergebnis dankbar auf, auch wenn es noch so abstrus oder vorhersagbar war. Das Wort „Studie” klingt schließlich seriös. Da denken viele automatisch an Wissenschaft und Forschung. Dabei ist der Begriff nicht definiert und so lässt sich jeder Unsinn als „Studie“ verkaufen.

Als Studien-Profi fällt dabei häufig das Hamburger ILS Institut für Lernsysteme auf, zu der auch die Euro-FH gehört. Immer wieder verblüffen die Marketing-Profis der nach eigenen Angaben Deutschlands größten Fernschule ihre Leser mit Studien, bei denen das Fernlernen stets besonders gut abschneidet. „Bildung macht erfolgreich – und sexy!“ titelten sie vor einiger Zeit. „Bildung verbessert neben Karriereperspektiven auch die Chancen bei der Partnersuche: Für sechs von zehn Deutschen zwischen 20 und 40 spielt Bildung eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl.“

Nun hat zwar nicht jeder seine Bildung über einen Fernkurs erworben, aber das macht ja nichts. Aufmerksamkeit sichert die Meldung allemal. Schließlich gilt noch immer: Sex sells – und zwar jeden Blödsinn. So hat etwa eine italienische Urologin eine Studie veröffentlicht, in der sie durch die Untersuchung der Beckenmuskulatur von Frauen zu dem Schluss kommt, dass hochhackige Schuhe gut für den Orgasmus sind – vielleicht wurde die Studie ja von der Schuhindustrie gesponsert?

Aber auch die seriöse psychologische Forschung ist nicht frei von Unsinn. So zitierte die Süddeutsche Zeitung vor kurzem die Studie des Sozialpsychologen Thierry Meyer. Danach werden Männer dümmer, wenn sie vor einem Wissenstest Fotos von Blondinen (statt Brünetten) angeschaut haben. Das liege daran, so Meyer, dass Männer automatisch ihre Hirnaktivität reduzieren, um sich mit den – vermeintlich dummen – Blondinen auf eine Stufe zu stellen. Und der Heidelberger Psychologe Steve Ayan kommt zu der bahnbrechenden Erkenntnis, dass Selbstzweifel unzufrieden machen. Schließlich haben auch Forscher längst erkannt, dass sie kräftig trommeln müssen, wenn sie auf sich aufmerksam machen wollen.

Abstrus werden die Studienergebnisse auch dann, wenn die Forscher wichtige Messgrößen nicht berücksichtigen. So kann man das verblüffende Studienergebnis, wonach Menschen mit großen Füßen mehr Geld verdienen als solche mit kleinen Füßen getrost in die Mülltonne werfen. Denn die Forscher haben dabei das Geschlecht vernachlässigt. Und da Männer nun mal durchschnittlich größere Füße haben, ist das Ergebnis wenig überraschend. Aber schließlich lockt die Aussage „Männer verdienen mehr als Frauen“ keinen mehr hinter dem Ofen hervor.

Ärgerlich ist häufig auch die methodische Schlamperei. Da werden regelmäßig Prozent mit Prozentpunkten verwechselt, unterschiedliche Fallzahlen angegeben oder es wird bei der Auswertung gepfuscht. So wurde bei einer kürzlich veröffentlichten Coaching-Studie mal eben die Fachhochschulreife als akademischer Abschluss gezählt. Schließlich erhöht sich so der Anteil der akademischen Coachs, was wiederum als Zeichen für ihre hohe Qualifikation hervorgehoben wurde. Das entdeckt natürlich nur derjenige, der sich die Zahlen genauer anschaut – und das tut so gut wie niemand.

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


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