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Ärger des Monats

13. August 2012

Psychologe oder Psychiater – alles egal

Spiegel online hat ein neues Ressort Gesundheit. Das ist zunächst einmal prima. Schließlich wird Gesundheit zu einem immer wichtigeren Thema, und da tut Aufklärung not. Auch dass sich das neue Ressort mit psychischer Gesundheit beschäftigt, ist zu begrüßen. Schließlich weiß jeder, dass psychische Störungen rasant zunehmen. Doch schon kurz nach dem Start wird es am 5. Juli ärgerlich. „Psychologen-Mangel in Deutschland“ titelt Spiegel online – und meint damit den Psychotherapeuten-Mangel. Der Artikel bezieht sich auf das Gutachten: „Zur ambulanten psychosomatischen / psychotherapeutischen Versorgung in der kassenärztlichen Versorgung in Deutschland.“ Dass es einen nicht unbedeutenden Unterschied zwischen einem Psychologen und einem Psychotherapeuten gibt, scheint dem Autor gänzlich unbekannt zu sein.

Auch im Text geht es munter durcheinander. So heißt es etwa: „Als Alternative bietet ihm die Psychologin eine Gruppentherapie an.“ Statt des geschützten Begriffs Psychotherapeut ist oft nur von Therapeuten die Rede, und dann heißt es auch noch: „Psychologen ohne Kassenzulassung“. Mehr Unwissen geht kaum. Dementsprechend wirr sind auch die zahlreichen Kommentare der Leser. Da entbrennt ein bitterer Streit zwischen psychologischen Psychotherapeuten und Heilpraktikern für Psychotherapie, die es verstehen, sich bestens in Szene zu setzen. „Heilpraktiker, die Psychotherapie machen, sind meist viel einfühlsamer, da sie nicht den medizinisch-rationalen, sondern den menschlichen Zugang wählen“, schreibt einer. Das tut weh. Da gehen die wenigen Kommentare, die aufklären, dass ein Psychiater Medizin studiert und eine Facharztausbildung absolviert hat und es keinen „Arzt für Psychotherapie“ gibt, schnell unter.

Am 12. Juli folgte dann unter dem Titel „Umstrittenes Psychologie-Werk“ ein Beitrag zur Neufassung des DSM („Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“). Das Klassifikationssystem für psychische Störungen wird von der amerikanischen Psychiater-Vereinigung erstellt. Psychiatrie und Psychologie – alles dasselbe, hat sich die Autorin dieses Beitrags wohl auch wieder gedacht. Und weiter heißt es: „Ärzte und Psychologen rechnen hierzulande (gemeint sind offenbar Abrechnungen mit den Krankenkassen) mit dem ICD-10 ab, dem Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation WHO.“ Dass allenfalls Psychotherapeuten mit den Kassen abrechnen können, ist offenbar unbekannt.

Leider ist das Ganze symptomatisch. Ob in den Medien oder im Alltagsgebrauch, kaum jemand kennt den Unterschied zwischen einem Psychologen, einem Psychotherapeuten und einem Psychiater. Kein Wunder, dass so mancher Psychologe, der im Personalmanagement tätig ist, seinen akademischen Titel lieber ganz verschweigt, um nicht gleich in die Kategorie „Seelenklempner“ und „Behandlung auf der Couch“ zu geraten. „Das führt gerade bei den Topmanagern schnell zur Verunsicherung“, erklärt ein Personalchef mit Psychologie-Diplom. „Da lasse ich den Titel lieber weg.“ Es gibt noch viel zu tun – gerade für Wirtschaftspsychologen.

Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger,
Chefredakteurin von Wirtschaftspsychologie aktuell,
spürt Absurditäten, Absonderlichkeiten und Fehltritte in der HR-Welt auf


Weiterführende Informationen:

Jens Lubbadeh (2012). Psychologen-Mangel in Deutschland: Therapeut verzweifelt gesucht. Spiegel online.

Jana Hauschild (2012). Umstrittenes Psychologie-Werk: Katalog der Störungen. Spiegel online.

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