Wirtschaftspsychologie aktuell - Zeitschrift für Personal und Management
Strategie: Orientierungsprogramm für Mitarbeiter im Ausland

21. Januar 2009

Wenn Mitarbeiter ins Ausland entsendet werden (Expatriates), gestaltet sich ihre Integration im Unternehmensbereich am neuen Ort nicht immer leicht. Konflikte treten auf, die Mitarbeiter sind unzufrieden. Orientierungsprogramme für Expatriates sollen diesen negativen Erfahrungen vorbeugen.

Realistic Orientation Programs for new Employee Stress

John P. Wanous von der Ohio State University hat seit mehreren Jahren erfolgreich ein Orientierungsprogramm für Mitarbeiter im Ausland entwickelt, die sogenannten Realistic Orientation Programs for new Employee Stress (ROPES): Neuankömmlinge müssen die Spielregeln lernen – they „must learn the ropes“.

Stress-Inokulation

Im Gegensatz zu den meisten anderen interkulturellen Trainings baut das Programm auf einer fundierten Theorie auf, der Stress-Inokulations-Theorie von Donald Meichenbaum. Die zentrale Annahme: Erfordernisse aus der Umwelt (Stressoren) fordern bestimmte Ressourcen zur Stressbewältigung. Indem man sich mit diesen Stressoren auseinandersetzt (Inokulation), können die Ressourcen eingeübt und in der Praxis abgerufen werden.

Programmkomponenten

Das Programm beinhaltet z.B. folgende Komponenten:

  • Unrealistische Erwartungen dämpfen: Übersteigerte Hoffnungen können jeden noch so kleinen Lernerfolg zunichte machen. Zum Beispiel nehmen viele Mitarbeiter an, dass sie die neue Sprache schon beherrschen werden, wenn sie erst vor Ort ist. Das kann ein Trugschluss sein. Daher ist es notwendig, die negativen Emotionen zu bearbeiten, die mit diesen unzutreffenden Erwartungen einhergehen und kleine Lernfortschritte anzuerkennen.
  • Unentdeckte Ressourcen nutzen: Das Gute liegt manchmal so nah, ohne dass man davon weiß. Gesprächskreise von anderen Expatriates in der Region oder Online-Foren können einen ersten Überblick über typische Probleme geben. Im Training wird versucht, diese unbekannten Ressourcen zu benennen und für sich zu erschließen.
  • Proaktiv handeln: Nicht (mehr) denken, sondern handeln, kann mitunter das Gebot der Stunde sein – besonders dann, wenn irrationale Gedanken das Handeln blockieren. Solche Gedanken können z.B. sein: „Ich werde mit meinem starken Akzent sicher negativ beurteilt“ oder „Ich will im neuen Team auf keinen Fall unangenehm auffallen.“ Im Training werden solche automatischen Gedanken notiert und analysiert. Gegenmaßnahmen können durch bewusstes Experimentieren ergriffen werden, indem man seine Gedanken als eine Art Hypothese auf ihren Wirklichkeitsgehalt hin überprüft.
  • Negative Erfahrungen erkennen: Auch mit negativen Erfahrungen sollte man sich frühzeitig auseinandersetzen. So mag man mitunter die demonstrative Freundlichkeit von US-Amerikanern als Zeichen besonderer Freundschaft deuten und kann enttäuscht sein, wenn sie vom Gegenüber nicht entsprechend erwidert wird. Solche Enttäuschungen lassen sich einkalkulieren. Im Training werden die negative Erfahrungen gesammelt und dahinter stehende (falsche) Erwartungen und damit verbundene Gefühle erörtert.
  • Zwischenmenschliche Konflikte lösen: Wenn Konflikte auftauchen, kann das auch an den kulturellen Unterschieden liegen. Im Orientierungsprogramm werden Konflikte der Teilnehmer exemplarisch aufgegriffen. Die möglichen Ursachen werden herausgearbeitet, z.B. unterschiedliche Beziehungsorientierungen, Verhaltensstereotype, Arbeitsprozesse, Kommunikationsmuster. Neue Bewältigungsstrategien werden in Übungen durchgespielt.

ROPES ist gängigen interkulturellen Trainings überlegen

In der aktuellen Ausgabe des Journal of Applied Psychology weisen John Wanous und Jinyan Fan nach, dass dieses Programm sogar gängigen interkulturellen Trainings überlegen ist. Die Teilnehmer – Studenten eines Austauschprogramms – zeigten geringere Stresslevels und konnten sich besser an ihre neuen Umgebung anpassen als Teilnehmer aus Vergleichsgruppen.

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Weiterführende Informationen:

Fan, J. & Wanous, J. P. (2008). Organizational and cultural entry: A new type of orientation program for multiple boundary crossings. Journal of Applied Psychology, 93, 1390-1400.

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