Wirtschaftspsychologie aktuell - Zeitschrift für Personal und Management
Burnout nach der Krise

26. Oktober 2010

Die Podiumsdiskussion „Burnout – Trophäe für den modernen Helden der Arbeit?“ auf der diesjährigen Personalfachmesse Zukunft Personal fand großen Anklang bei den Besuchern. Vier Expertinnen diskutierten über Ursachen von Burnout und was man dagegen tun kann.

Burnoutdiskussion traf ins Schwarze

„Der Aufschwung ist da, doch viele Mitarbeiter sind am Ende: In der Krise war die Anspannung so hoch, dass keiner gemerkt hat, was mit ihm passiert. Jetzt verzeichnen wir eine dramatische Zunahme von Burnout-Fällen“, erklärte Executive Coach Dr. Sabine Dembkowski bei der Podiumsdiskussion der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell auf der Fachmesse Zukunft Personal.

Burnout als Trophäe? Großer Andrang bei der Podiumsdiskussion.
Burnout als Trophäe? Großer Andrang bei der Podiumsdiskussion

Wenn der Druck nachlässt

Viele kennen das Phänomen: Vor dem Urlaub wird noch einmal kräftig rangeklotzt. Kaum genießt man dann seine freie Zeit, bekommt man eine schwere Erkältung. Die Zunahme psychischer Störungen nach Überwindung der wirtschaftlichen Ausnahmesituation ist ein vergleichbarer Vorgang: Die Überlastung macht sich erst bemerkbar, wenn der Druck nachlässt.

„Wir haben zu viel geleistet“, erklärte Professorin Dr. Karin von Schumann. Nun müssten die Menschen auch dafür belohnt werden. „Auf die Wirtschaftskrise folgt eine Gratifikationskrise.“

Ungenauer Sammelbegriff

Die inzwischen weit verbreitete Rede vom Burnout ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. „Burnout ist ein Sammelbegriff wie Nutella – wir nennen einfach alles so, egal was drin ist“, bestätigte Dr. Sabine Dembkowski, Gründerin und Direktorin von The Coaching Centre in London und Köln.

Und Dr. Susanne Dietz, Inhaberin der Dietz-Trainings- und Prozessbegleitung und neben der ebenfalls fachkundigen Moderatorin Uschi Gersch die vierte Expertin auf dem Podium, ergänzte: „Es handelt sich um eine Triade aus Hoffnungslosigkeit, Angst und Verzweiflung.“

Einig waren sich alle Gesprächsteilnehmerinnen darin, dass die fortschreitende Enttabuisierung des Belastungssyndroms grundsätzlich hilfreich sei. Denn sie ermöglicht es, früher einzugreifen.

Coaching hilft nur begrenzt

Dabei sind die Therapiemöglichkeiten durch Coaching eindeutig begrenzt: Ein guter Berater kann immer nur ein Risiko zum Belastungssyndrom aufzeigen, aber nicht die Krankheit selbst behandeln.

„Ein Executive Coach ist nicht fähig, einen echten Burnout zu heilen“, warnte Professorin Karin von Schumann. Es gebe eine „glasklare Grenze“, ab der medizinische Hilfe nötig sei.

Urlaub reicht nicht

Bei dem ganzen Thema Burnout werde der Zeitfaktor „brutal unterschätzt, gab Dr. Dembkowski zu bedenken. Der gern erteilte Ratschlag „Mach mal Urlaub“ helfe wenig weiter.

„Mit ‚Quick Fix’ ist bei diesem Thema kaum etwas zu machen – es ist sogar gefährlich“, warnte die Coaching-Expertin.

Auch eine zweimonatige Auszeit reiche nicht aus – stattdessen gelte es, eine gesunde Work-Life-Balance für sich selbst zu finden, sagte Professorin von Schumann.

vier Expertinnen
Was hilft bei Burnout? Unterstützende Führung, Ressourcen, Selbstreflexion und weniger Arbeit, sagten die vier Expertinnen

Ressourcen finden und nutzen

„Überarbeitete Menschen sollten Ressourcen außerhalb der Arbeit nutzen, um Freude aus anderen Lebensbereichen zu ziehen.“ Wer zum Beispiel ein Instrument erlernt habe, könne sich wieder auf das Musizieren besinnen. Damit hätten Klienten bereits sehr gute Erfahrungen gemacht.

Auch am Arbeitsplatz selbst gibt es viele Stellschrauben – nicht umsonst war die Podiumsdiskussion auf Europas größter Fachmesse für Personalmanagement angesetzt.

Doch was können Unternehmen, insbesondere Personalverantwortliche, tun, um psychische Erkrankungen auf Grund von dauerhafter Überlastung zu verhindern?

Unterstützender Führungsstil

Neben der Enttabuisierung von Versagensängsten sind Seminare zum Umgang mit Belastungssituationen sinnvoll. Den meisten Einfluss hat allerdings die Schulung von Führungskräften: Es ist erwiesen, dass ein unterstützender, anerkennender Führungsstil das Burnout-Risiko vermindert.

Dr. Dietz verwies zudem auf die zermürbende Wirkung von Dauer-Baustellen im Betrieb: „Bitte betreiben Sie Umstrukturierungen intelligent und nicht über Jahre“, warb die Burnout-Expertin.

E-Mail-freie Zeit

Ein erheblicher Stressfaktor ist auch die fortlaufende Beschleunigung von Arbeitsprozessen. Auch hier können Unternehmen gegenwirken: „Vorgesetzte sollten ungesundes Verhalten wie zum Beispiel die ständige Erreichbarkeit eines Mitarbeiters nicht uneingeschränkt  wertschätzen oder gar belohnen“, forderte von Schumann.

Dass den Mitarbeitern eine „E-Mail-freie Zeit“ vom Vorstand verordnet werde, gebe es bereits, das sei allerdings noch ein „zartes Pflänzchen“, ergänzte Dr. Dembkowski aus ihrer Erfahrung.

Vielen Menschen falle es schwer, sich eigeninitiativ aus der allgegenwärtigen extremen Arbeitsdynamik zu lösen. „Im Alter von 35 plus entsteht oft ein Gruppendruck. Man hat sich einen gewissen Standard erarbeitet und nimmt ungern Abschied von liebgewonnenen Attributen wie etwa der goldenen Vielfliegerkarte“, erläuterte Dr. Dembowski.

das gut besuchte Forum
Aufforderung an das gut besuchte Forum: Leistungszwang hinterfragen

Leistungszwang hinterfragen

Doch was können Menschen leisten, ohne sich zu überfordern? „Es gilt, das ewige ‚schneller, höher, weiter‘ zu hinterfragen“. erklärte Dr. Dietz. Der Leistungszwang habe inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass schon ganz junge Menschen, wie 15-jährige Gymnasiasten, dem Druck nicht mehr standhielten und ihn durch Medikamente zu kompensieren versuchten.

Um eine persönliche Überforderung zu verhindern, müsse sich jeder Mensch mit dem eigenem Leistungsbegriff auseinandersetzen. Wichtig sei insbesondere, seine persönlichen Grenzen zu orten und einzuhalten.

„Was ist mit mir verhandelbar, was nicht? Darauf müssen Sie eine Antwort haben“, erklärte die Trainerin. „Zentral für mich ist das Wissen, dass ich es nicht jedem recht machen kann und auch nicht muss“, verriet sie ihre eigene Devise.

Mehr Selbstreflexion

Weil sich Einstellungen und Bedürfnisse ändern könnten, sei zudem ein fortlaufender Selbstreflexionsprozess gefragt. Dazu gehörten die Fragen „Wo stehe ich? Passt mein Umfeld noch zu mir?“ Als Ergebnis ihrer eigenen Selbstreflexion sei sie vor kurzem aufs Land gezogen, erläuterte die Expertin. „Da fühle ich mich jetzt einfach wohler.“

Mit dem bewussteren Leben allein sei es jedoch nicht getan“, betonte Dr. Dietz, „Jede Organisation besteht aus Menschen. Der Einzelne allein kann sich ändern, aber sein Umfeld muss das auch akzeptieren und honorieren.“

Noch mehr Besucher auf der Zukunft Personal

Insgesamt kamen 11.837 Fachbesucher zur 11. Zukunft Personal nach Köln, um sich über aktuelle Trends zu informieren – 300 mehr als im vergangenen Jahr.

Mit diesem respektablen Ergebnis geht Europas größte Fachmesse für Personalmanagement vom 20. bis 23. September 2011 in die nächste Runde.

Petra Jauch, spring Messe Management
Fotos: spring Messe Management

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

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