Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
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Nachrichten aus der Wirtschaftspsychologie

19. Juni 2014

Engelkurse und Pseudotherapien

Die 23. Skeptiker-Konferenz SkepKon in München stellte modernen Aberglauben, Esoterik und Homöopathie auf den Prüfstand mit teils verstörenden Einblicken.

Staatliche Unterstützung für esoterischen Mumpitz

Programmierung der Zellen, Auflösen von Gedankenmustern, Erlernen der göttlichen Sprache, Aktivierung der sieben Heilungsengel und des Seelensterns und Erlernen von Hellfühligkeit und Hellsichtigkeit – wer die Ausbildung zum „Bioenergie Therapeut“ an der Kryonschule im bayerischen Rosenheim absolviert, lernt eine Menge. Und schließlich ist die „Bewusstseinsschule der neuen Zeit“ auch noch von der OMSP (Organización Mundial de la Salud Pública) in Argentinien zertifiziert und dadurch „eine international anerkannte Ausbildung“.

Esoterischer Mumpitz? Nicht für das österreichische Wirtschaftsförderungsinstitut (WIFI). Denn der nach eigenen Angaben führende Anbieter im Bereich beruflicher Aus- und Weiterbildung bietet im Oktober erneut einen „Lehrgang zum diplomierten Bioenergetiker (Schritt 1 bis 27)“ der Kryonschule in 48 Schritten für 3598 Euro inklusive Prüfung an. Auch eine Ausbildung zum diplomierten Prana Energie Therapeuten ist im Angebot. Das Versprechen: „Sie sind sofort in der Lage, berührungslos Disharmonien in den Energiekörpern aufzuspüren, diese energisch zu bereinigen und mit frischem Prana (Lebensenergie) für schnelle Gesundung zu energetisieren.“

Alle Hefte im ÜberblickUnd wer noch Zweifel hat, kann auf der Website lesen: „Alle angebotenen Kurse, Seminare und Lehrgänge sind von der Wirtschaft anerkannt und genießen darüber hinaus einen hervorragenden Ruf.“ Doch dem nicht genug. Dafür gibt es offenbar auch noch staatliche Unterstützung. So heißt es: „Die Kryonschule wird vom Land Oberösterreich im Rahmen des Bildungskonto gefördert.“ Bezahlt werden dabei „berufsorientierte Weiterbildungen und Umschulungen.“

Haarsträubende Engelvermarkter

Was der Psychologe und Marketingexperte Johannes Fischler über die Welt der Engelvermarkter, Engelfestivals und die spirituelle Kaderschmiede der Engelsanhänger erzählte, ist haarsträubend, dennoch stoßen die Angebote auf rege Nachfrage. Bei Esoterik 2.0 gehe es längst nicht mehr um sektenähnliche Zirkel alternativer Spinner, sondern um die Anwendung ausgefeilter Werbe- und Geschäftsmethoden, erklärt Fischler, der sich in seinem Buch „New Cage: Esoterik 2.0 – Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt“ intensiv den Marketingmethoden des Esoterik-Markts beschäftigt hat. Die Esoterik-Unternehmer von heute bauten Markenwelten mit Seminaren, Büchern, CDs, Essenzen und Zertifikaten.

Pseudowissenschaftliche Behauptungen prüfen

Fischler war einer der Referenten auf der SkepKon in München, der Jahreskonferenz der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), auf der Wissenschaftler und Experten Ende Mai an drei Tagen esoterische und pseudowissenschaftliche Behauptungen kritisch unter die Lupe nahmen. Zu den rund 1300 GWUP-Mitgliedern gehören Wissenschaftler aller Fachrichtungen sowie wissenschaftlich Interessierte. Hauptanliegen ist der Verbraucherschutz.

Erst vor kurzem warnte die GWUP vor dem geplanten Studiengang zum Bachelor in Homöopathie der Steinbeis Hochschule Berlin, weil sie den Studiengang schlicht für einen akademischen Etikettenschwindel hält, der „einer Pseudowissenschaft höhere Weihen“ verleihen würde. Inzwischen hat die Steinbeis Hochschule ihr Vorhaben aufgegeben.

Emotionale Manipulationen

Der zweitägigen Konferenz vorgeschaltet waren ein Publikumstag und eine sogenannten Nerd-Nite mit Kurzvorträgen zu Diät-Lügen, Tier-Orakeln oder Pick-up-Artists. Das sind Männer, die Frauen mit Hilfe vielfältiger emotionaler Manipulationen – unter anderem NLP-Techniken – und einstudierter Verhaltensmuster ins Bett kriegen und das Ganze als Kunstform verstehen wollen. In ihrem amüsant und leidenschaftlich präsentierten Vortrag erklärte die Kulturwissenschaftlerin Claudia Preis, welche Gefahren der aus den USA kommende Hype der meist frauenfeindlichen Aufreißer mit sich bringt.

Ernüchternde Psychotherapie

Doch wie sieht es mit der Psychotherapie aus? Ist sie nicht auch manchmal nur ein abergläubisches Ritual mit Placebo-Wirkung? Damit befasste sich Robert Mestel, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter der Abteilung Forschung/Qualitätssicherung an der Helios Klinik Bad Grönenbach. Die Präsentation zahlreicher Studienergebnisse war dabei mehr als ernüchternd. Längst gebe es mehr als 600 Formen von Psychotherapie und monatlich kämen neue dazu, erklärte Mestel. Auch eine Abgrenzung zu Coaching und Beratung sei längst unmöglich.

Doch was wirkt letztlich und wie stark? Laut Untersuchungen des amerikanischen Psychotherapieforschers Michael J. Lambert dominieren bei den Wirkfaktoren der Psychotherapie mit 40 Prozent die außertherapeutischen Veränderungen, gefolgt von der therapeutischen Beziehung mit 30 Prozent. Lediglich 15 Prozent basierten auf der Therapie-Technik, ebenso viele auf Placebo-Effekten und die würden häufig unterschätzt: Bei leichten bis mittleren Schlafstörungen erreiche man allein mit Zuckerpillen zu 49 bis 81 Prozent einen Therapieerfolg.

Abergläubische Rituale

Bei akuten bis mittelschweren Depressionen wirkten fast alle Behandlungen – von Antidepressiva über Verhaltenstherapie bis zum Johanniskraut – gleich gut. Auch die Spontanheilungsquoten seien teils enorm: 80 Prozent bei Neurodermitis bei Kindern, 90 Prozent nach Hörsturz und 66 Prozent nach einem Jahr bei Depressionen. Als „abergläubische Rituale“ bezeichnete der Psychologe unter anderem auch EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) und die – auch von zahlreichen Psychologen promotete – Klopf-Therapie gegen Angst und Geldsorgen, beides auch im Coaching recht beliebte Methoden.

Wir machen uns ständig etwas vor

Wie sehr uns unsere Wahrnehmung manchmal täuscht, zeigte Sebastian Bartoschek in seinem Vortrag „Von unsichtbaren Gorillas und tanzenden Bären: Wahrnehmungsphänomene und ihre Tücken im Alltag.“ „Wir nehmen alle nie die Realität wahr“, warnte der Psychologe und dabei gehe die Wirklichkeitskonstruktion oft viel weiter, als wir uns gemeinhin eingestehen wollen. „Das Gedächtnis ist kein Videorekorder“, warnte Bartoschek.

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Wissen werde immer wieder neu angeordnet passend zum eigenen Leben. Dabei bewahre selbst diese Erkenntnis keinen vor Fehlern. Im Gegenteil: Zu großes Selbstbewusstsein und Selbstüberzeugung begünstigten es sogar eher noch, Wahrnehmungstäuschungen und Fehlschlüssen zu erliegen. Schließlich hat man es doch „tatsächlich so erlebt.“ Und selbst die Kompetenz, eine Alltagstäuschung zu erkennen, werde systematisch besser eingeschätzt, als sie tatsächlich ist. Fazit: Wir machen uns ständig und zuverlässig selbst etwas vor, egal ob wir das wollen oder nicht.

Bärbel Schwertfeger

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2014. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

In der Ausgabe „Leadership und Persönlichkeit“ werden wissenschaftlich geprüfte Maßnahmen vorgestellt, z.B. wie Führungskräfte ihre emotionale Intelligenz oder ihre Widerstandsfähigkeit verbessern.

Ärgerlich, wenn sich Wissenschaftler mit pseudowissenschaftlichen Tipps – „Alle Spiele sind nachts, essen Sie deshalb vor den Spielen.“ – zur Fußballweltmeisterschaft anbiedern.

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