Wirtschaftspsychologie aktuell - Zeitschrift für Personal und Management

Lernen von Michael Frese:
Situativer Entscheidungstest zur Eigeninitiative

18. Juni 2009

Michael Frese, der in Berlin Psychologie studierte, ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Gießen. Seine Forschungs- und Lehrtätigkeit führte ihn u.a. an die University of Pennsylvania, die Universität Amsterdam und an die London Business School. Er war Präsident der International Association of Applied Psychology und Herausgeber der Zeitschrift „Applied Psychologie: An International Review“. Seine zentralen Forschungsinteressen drehen sich um die Themen Arbeitslosigkeit, Stress am Arbeitsplatz und Eigeninitiative.

Neues Testverfahren

Zur Eigeninitiative haben Michael Frese und Ronald Bledow in der Fachzeitschrift Personnel Psychology gerade ein neues Testverfahren vorgestellt. Eigeninitiative verstehen sie dabei als Verhalten am Arbeitsplatz, das selbst initiiert und aufrechterhalten wird, um mögliche Hürden bei der Zielerreichung erfolgreich zu überwinden. Problematisch an bisherigen Messverfahren ist, dass mit ihnen lediglich Eigenschaften gemessen werden, obwohl ein situationsabhängiges Verhalten erfasst werden soll.

An Situationen ausgerichtet

Die Autoren haben daher in mehreren Schritten einen situativen Entscheidungstest entwickelt. Dabei bekamen die Befragten insgesamt 12 Situationen präsentiert, zu der sie vorformulierte Antworten auswählen sollten. Diese Antworten hielten fest, wie die Befragten in der entsprechenden Situation selbst reagieren würden.

Ein Beispiel: Mit einem Item wurde beschrieben, dass eine Aufgabe unter Zeitdruck gelöst werden sollte und der Befragte zugleich zwei Auszubildenden eine Arbeitseinweisung geben sollte. Neben konventionellen Antwortalternativen (die Auszubildenden werden vertröstet oder an Kollegen verwiesen) war auch eine dabei, die für Eigeninitiative steht: sich selbst zukünftig für ein besseres Ausbildungskonzept von Azubis einzusetzen.

Ergebnis: Eigeninitiative sagt Leistung vorher

Frese und Bledow haben den Test insgesamt 140 Bankangestellten und deren Vorgesetzten vorgelegt und sind dabei zu folgenden Ergebnissen gekommen:

  • Die situativ abhängige Eigeninitiative sagte das Engagement voraus, das über den Angestellten vom Chef berichtet wird (r = .48).
  • Ebenso hing die Eigeninitiative mit der vom Chef angegebenen Arbeitsleistung zusammen (r = .37).
  • Die situativ abhängige Eigeninitiative unterschied sich von jener im Selbstbericht. Beide vermittelten jedoch zwischen eigenem Verantwortungsgefühl und Leistungsmerkmalen, wie sie vom Vorgesetzten berichtet wurden.

Damit liegt der erste valide situative Test zur Eigeninitiative vor, der zu Forschungszwecken und in der Praxis eingesetzt werden kann.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Bledow, R. & Frese, M. (2009). A situational judgment test of personal initiative and its relationship to performance. Personnel Psychology, 62, 229-258.Zum Abstract.

Fay, D. & Frese, M. (2001). The concept of personal initiative: An overview of validity studies. Human Performance, 14, 97-124.

MacKenzie, S. B., Podsakoff, P. M. & Jarvis, C. B. (2005). The problem of measurement model misspecification in behavioral and organizational research and some recommended solutions. Journal of Applied Psychology, 90, 710-730.

Motowidlo, S. J., Dunnette, M. D. & Carter, G. W. (1990). An alternative selection procedure: The low-fidelity simulation. Journal of Applied Psychology, 75, 640-647.

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