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Lernen von Christian Baumann

Andauernder Schlafmangel führt unbewusst zu erhöhter Risikobereitschaft

22. September 2017

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Schläfrigkeit, verminderte Konzentrations- und Leistungsfähigkeit – immer mehr Menschen leiden an den Folgen chronischen Schlafmangels. Nun zeigen Forschende der Universität Zürich (UZH) eine weitere Konsequenz: Betroffene verhalten sich risikoreicher, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Junge Erwachsene haben ein natürliches Schlafbedürfnis von durchschnittlich rund 9 Stunden pro Tag, ältere Erwachsene brauchen etwa 7,5 Stunden. Viele Menschen in westlichen Gesellschaften schlafen jedoch deutlich weniger lang. Studien zufolge berichtet rund ein Drittel der Befragten aus mehreren Industrieländern über zu kurze Schlafzeiten. In Schlafkliniken finden sich zunehmend mehr gesunde Menschen, die an negativen Folgen von zu wenig Schlaf – Aufmerksamkeitsdefiziten und Konzentrationsschwäche - leiden.

Risikoverhalten von männlichen Studenten untersucht

Forscher der Universität Zürich und des Universitätsspitals Zürich haben nun eine weitere kritische Konsequenz von chronischem Schlafmangel identifiziert: eine erhöhte Risikobereitschaft. Die Schlaf- und Neuroökonomie-Wissenschaftler untersuchten das Risikoverhalten von gesunden männlichen Studenten im Alter von 18 bis 28 Jahren. Schliefen die Personen eine Woche lang nur 5 Stunden pro Nacht, zeigten sie ein klar risikoreicheres Verhalten im Vergleich zu Personen mit einer normalen Schlafdauer von etwa 8 Stunden. Zwei Mal täglich mussten sie sich entscheiden, entweder einen kleineren Geldbetrag sicher zu erhalten oder eine größere Geldmenge mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit. Je risikoreicher ihre Entscheidung, desto höher war die mögliche Gewinnsumme – aber auch das Risiko, leer auszugehen.

Folgen des Schlafmangels besonders verheerend bei Führungspersonen

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Während eine einzelne Nacht ohne Schlaf keinen Einfluss auf die Risikobereitschaft hatte, verhielt sich die große Mehrheit der Studienteilnehmer während einer Woche mit reduzierter Schlafdauer signifikant risikoreicher. Bedenklich ist insbesondere ein weiterer Befund: Die Studenten schätzten ihr Risikoverhalten gleich ein wie unter regulären Schlafbedingungen. „Wir bemerken selbst also nicht, dass wir unter Schlafmangel riskanter handeln“, betont Christian Baumann, Professor für Neurologie und Leiter des Klinischen Forschungsschwerpunkts «Sleep and Health» der UZH. Eine angemessene Schlafdauer sei daher für jedermann wichtig, insbesondere aber für  Führungspersonen in Politik und Wirtschaft, die täglich weit reichende Entscheidungen zu treffen haben. Laut Untersuchungen der BAuA arbeitet gerade dieser Personenkreis oft 50 Stunden und mehr pro Woche, was zu wenig Schlaf immerhin vermuten lässt. „Erfreulich ist“, so Baumann, „dass in der leistungsorientierten Managerwelt genügend Schlaf zunehmend als erstrebenswert gilt.“

Die Forscher wiesen zudem erstmals nach, dass eine niedrige Schlaftiefe im rechten präfrontalen Kortex direkt mit vermehrtem Risikoverhalten zusammenhängt. Dieses Gebiet der Hirnrinde wurde schon früher mit Risikoverhalten assoziiert.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2017. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Maric, A., Montvai, E., Werth, E., Storz, M., Leemann, J., Weissengruber, S., Ruff, C. C., Huber, R., Poryazova, R. & Baumann, C. R. (2017). Insufficient sleep: Enhanced risk-seeking relates to low local sleep intensity [Abstract]. Annals of Neurology. Online First Publicaion.

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