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Lernen von Yvonne Lott

Geschlechtsspezifische Folgen flexibler Arbeitsarrangements

4. September 2017

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Extrem flexible Arbeitszeiten gehen häufig zulasten der Beschäftigten. Dabei sind die Folgen bei den Geschlechtern unterschiedlich, zeigt eine neue Untersuchung von Yvonne Lott von der Hans-Böckler-Stiftung. Die Auswertung basiert auf Angaben von gut 10.000 Personen aus der Haushaltsbefragung Sozio-oekonomisches Panel der Jahre 2011 und 2012. Dabei zeigte sich, dass, wer im Homeoffice arbeitet, oft abends nicht abschalten kann. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 45 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten.

Männer und Frauen nutzen Flexibilität unterschiedlich

Bei völlig selbstbestimmten Arbeitszeiten fällt das Abschalten Arbeitnehmern schwerer als bei festen Zeiten. Interessanterweise betrifft dieser Effekt besonders Männer. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 40 Prozent, dass sie abends nicht zur Ruhe kommen, elf Prozentpunkte mehr als bei Männern mit festen Arbeitszeiten. Dies führt die Forscherin darauf zurück, dass Männer dazu neigen, ohne vorgegebene Grenzen übermäßig lange zu arbeiten. Frauen seien hingegen „typischerweise geübtere Grenzgängerinnen“ als Männer, so Lott. Sie nutzten zeitliche Flexibilität statt für Überstunden eher, um Haus- und Sorgearbeit mit dem Job unter einen Hut zu bringen.

Gleitzeit ist gut für Männer, unvorhersehbare Arbeitszeiten schlecht für Frauen

Mit selbstbestimmten, aber immer noch geregelten Arbeitszeiten, etwa Gleitzeit, fühlen sich Beschäftigte nicht übermäßig mehr belastet. Sie können zudem besser mit hohem Arbeitsdruck umgehen, was sich positiv auf die Work-Life-Balance auswirkt. Dies gilt aber wiederum nur für Männer. Ändert der Arbeitgeber immer wieder kurzfristig die Arbeitszeiten, dann sorgt das vor allem bei Frauen für hohe psychische Belastungen. Unvorhersehbare Dienstzeiten erschweren die Alltagsplanung, worunter vor allem diejenigen leiden, die traditionell den größeren Teil der Haus-, Pflege- und Erziehungsarbeit übernehmen. Besonders ausgeprägt ist der Stress in Kombination mit hohem Arbeitsdruck.

Flexible Arbeitszeiten können traditionelle Rollenbilder in Partnerschaften zementieren

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Im Licht dieser Erkenntnisse sei eine von Unternehmen häufig geforderte weitere Deregulierung der Arbeitszeitbestimmungen äußerst kritisch zu sehen, sagt Lott. Neben den negativen Konsequenzen für die Work-Life-Balance verschärfen Modelle wie die völlige Arbeitszeitautonomie auch die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Die Forscherin spricht vom „Risiko der Traditionalisierung von Partnerschaften“, weil eine Seite – wahrscheinlich meist die Frau – der anderen den „Rücken frei halten“ muss. Dennoch hält Lott noch mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit grundsätzlich für vertretbar. Es müsse aber klare Regeln nicht nur im Betrieb, sondern auch beim mobilen Arbeiten oder im Homeoffice geben: zeitliche Obergrenzen, Zeiterfassung, realistische Vorgaben für das Arbeitspensum, genug Personal und Vertretungsregeln. Fortbildungen in „Grenzmanagement“ für Beschäftigte und Vorgesetzte seien ebenso notwendig wie verlässliche Schichtpläne und eine Sensibilisierung aller Beteiligten für die geschlechtsspezifischen Folgen flexibler Arbeitsarrangements.

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2017. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Lott, Y. (Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf). (2017). Stressed despite or because of flexible work arrangements? Flexible work arrangements, job pressure and work-to -home conflict for women and men in Germany. Online verfügbar unter www.boeckler.de/pdf/p_fofoe_WP_046_2017.pdf

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