Lernen von Ernest O’Boyle:
Spitzenleistungen – häufiger als gedacht
20. April 2012
In fünf Studien haben Ernest O’Boyle und Herman Aguinis überprüft, ob berufliche Leistung normalverteilt oder extremverteilt ist. Es zeigte sich, dass die Leistungen von Forschern, Künstlern, Politikern und Sportlern nicht der Normalverteilung, sondern der Pareto-Verteilung folgten. Das heißt, Spitzenleistungen kamen häufiger vor als gedacht, und Top-Performer trugen besonders viel zur Gesamtleistung bei. Für die Autoren ist daher eine Unternehmenspraxis fraglich, die sich an der Durchschnittsnorm orientiert.
Verteilung beruflicher Leistung
Ernest O’Boyle ist Assistenzprofessor für Management an der Longwood University in Farmville, Virginia. Zusammen mit Herman Aguinis, Professor für Organisationsverhalten an der Indiana University in Bloomington, hat er sich die Verteilung beruflicher Leistungen von über 600.000 Forschern, Künstlern, Politikern und Sportlern angesehen. Zu lesen sind ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Personnel Psychology.
Die gängige Annahme ist, dass berufliche Leistung normalverteilt ist. Das hieße, das Gros der Arbeitsergebnisse wird von durchschnittlichen Mitarbeitern erbracht. Was aber wäre, wenn berufliche Leistung der Pareto-Verteilung oder der 80-zu-20-Regel folgt: 20 Prozent der Leistungsfähigsten tragen zu 80 Prozent des gesamten Umsatzes bei? Das würde bedeuten, dass die Hauptleistung von überdurchschnittlich guten Mitarbeitern erbracht wird. Außerdem kommen Spitzenleistungen gemäß der Pareto-Verteilung häufiger vor, als es die Normalverteilung vorhersagt.
Fünf Studien zur beruflichen Leistung
Die Forscher überprüften die Verteilung in fünf Studien. In Studie 1 wurde die Anzahl der Fachbeiträge analysiert, die 490.000 Forscher in den letzten 10 Jahren in den fünf wichtigsten Zeitschriften ihres Fachs veröffentlichten.
Studie 2 stellte die Anzahl der Nominierungen fest, die über 17.000 Künstler (Schauspieler, Sänger, Schriftsteller etc.) in den letzten Jahrzehnten für Auszeichnungen (Oscar, Grammy, New York Times Best Seller etc.) erhielten.
Studie 3 erfasste die Anzahl der Amtszeiten, für die über 42.000 Politiker in die Landes- oder Bundesparlamente von zehn Staaten gewählt wurden.
In Studie 4 wurden die Erfolge von über 25.000 Sportlern (Siege, Tore, Punkte etc.) in den vergangenen Jahrzehnten gemessen, und in Studie 5 die Häufigkeit der negativen Ergebnisse (gelbe Karte, Fehler, Strafen etc.) von über 57.000 Sportlern.
Ergebnis: Pareto-Verteilung
In allen Studien zeigte sich, dass die Leistung der Pareto-Verteilung und nicht der Normalverteilung entsprach. Damit trugen besonders leistungsfähige Personen besonders viel zur Gesamtleistung bei. Außerdem waren Spitzenleistungen häufiger als gedacht, gedacht unter Annahme der Normalverteilung.
Beispiel Publikationen: Von 25.000 Forschern hätten entsprechend der Normalverteilung nur 35 Personen mehr als 10 Artikel innerhalb von 10 Jahren in den Top-Fünf-Zeitschriften veröffentlichen sollen. In Wirklichkeit waren es aber 460 Forscher, was für die Pareto-Verteilung spricht.
Beispiel Künstler: Die Normalverteilung sagte voraus, dass von 3.300 Grammy-Nominierten der letzten 50 Jahre nur fünf Künstler mehr als 10 Nominierungen haben sollten. Es waren jedoch immerhin 64, wieder ein Indiz für die Pareto-Verteilung.
Beispiel Politiker: Von den 8.900 Mitgliedern des US-Repräsentantenhauses zwischen 1789 und 2009 sollten laut Normalverteilung nicht mehr als 13 Vertreter auf über 13 zweijährige Amtszeiten kommen. Es waren jedoch insgesamt 173, was auch im Einklang mit der Pareto-Verteilung steht.
Unternehmenspraxis
Was bedeuten diese Ergebnisse für die Praxis? Wenn Spitzenleistungen häufiger vorkommen als gedacht und die „Superstars“ in Arbeitsteams die Hauptleistung erbringen, dürften viele Faustregeln im Unternehmen fraglich sein. Etwa was die Leistungsbewertung angeht („Durchschnittliche Leistung kommt am häufigsten vor.“), die Gehaltsstrukturen („Extreme Gehälter sind unfair und damit zu vermeiden.“) oder die Personalauswahl („Ausnahmetalente kommen praktisch nie vor.“).
Extremgehälter sind ein heißes Eisen. Oft heißt es, sie dürften sich nicht zu weit vom Durchschnitt entfernen. Die Autoren rechnen jedoch vor, dass diese Handhabung auf der Normalverteilungsannahme beruht und gemessen an der wahren Produktivität der Spitzenleister unfair ist. So kommt ein Mitarbeiter aus dem 99. Perzentil auf eine reale Produktivität, die rund 142.000 US-Dollar über dem Durchschnitt liegt. Nach einer Schätzung auf Basis der Normalverteilung hätte er jedoch nur rund 34.000 US-Dollar mehr erbracht.
Die Autoren regen an, die Arrangements für Superstars zu überdenken. So könnten besondere Vergütungsmodelle, Nebeneinkünfte oder außergewöhnliche Arbeitsregelungen für Top-Performer geschaffen werden. Häufig bemüht man sich nicht ausreichend um diese Ausnahmetalente. Dabei bringen sie dem ganzen Unternehmen einen entscheidenden Vorteil auf hart umkämpften Märkten.
All dies setzt voraus, dass man herausragende Leistungen der Stars messen und ihrer Person zuordnen kann. Das wäre eine objektive Grundlage für Ausnahmeregelungen. Den Autoren zufolge sollte man jedenfalls die Durchschnittsnorm in Frage stellen. Denn in den fünf Studien war es so, das nicht die meisten Personen durchschnittliche, sondern unterdurchschnittliche Leistung zeigten. Und die Stars trugen häufiger als gedacht und besonders viel zur Gesamtleistung bei.
Wirtschaftspsychologie-aktuell.de
Weiterführende Informationen:
Ernest O’Boyle Jr. & Herman Aguinis (2012). The best and the rest: Revisiting the norm of normality of individual performance (PDF). Personnel Psychology, 65, 79-119.
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