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Lernen von Sanford DeVoe:
Zeitwert erzeugt Zeitdruck

15. September 2011

Fünf Studien von Sanford DeVoe und Jeffrey Pfeffer lassen eine neue Lesart des überall beklagten Zeitdrucks zu. Danach ist dieser das Ergebnis des angestiegenen ökonomischen Werts der Zeit. Nach dem Motto: Wenn die Zeit teurer wird, wird sie auch als besonders knapp wahrgenommen.

Hilfe, dieser Zeitdruck!

„Hilfe, immer dieser Zeitdruck!“ Er lastet als zentnerschwerer Schatten der Moderne auf uns. Doch woher kommt er? Wenn man akribischen Auszählungen Glauben schenken darf, hat die Arbeitszeit in den letzten fünf Jahrzehnten nicht zugenommen (Aguiar & Hurst, 2007). Vielfach wird eine Arbeitsverdichtung moniert, aber objektive Befunde dazu sind widersprüchlich (Robinson & Godbey, 1997).

Könnte es nicht auch so sein: Was wertvoll ist, erscheint rar. Weil unsere Zeit gemessen an dem, was wir verdienen, so immens teuer geworden ist, erscheint sie für uns immer knapper. Diese Denkweise legen neue Untersuchungen von Sanford DeVoe, University of Toronto, Jeffrey Pfeffer, Stanford University, nahe.

Wert der Zeit: Einkommen und Stundensatz

Die beiden Forscher haben fünf Studien vorgelegt – erschienen im Journal of Applied Psychology. In der ersten Studie schauten sie sich ein australisches Längsschnittpanel mit insgesamt 6.846 Personen an. Hier interessierte sie, ob das Einkommen den wahrgenommenen Zeitdruck bestimmte, wenn alle anderen Variablen (Jobkomplexität, Alter etc.) konstant gehalten wurden.

In der zweiten Studie mussten Studenten fiktive Personalentscheidungen treffen und wurden dabei mit hohem Stundensatz (ihre Zeit war damit viel wert) oder niedrigem Stundensatz (ihre Zeit war weniger wert) entlohnt.

In der dritten und vierten Studie wurde den Teilnehmern in einem Fragebogen das Gefühl gegeben, eher wohlhabend oder arm zu sein. Sie mussten dazu eine Einkommensskala ausfüllen, die entweder bis zur Obergrenze von 500 US-Dollar ging (man fühlte sich dadurch eher „reich“) oder bis 400.000 US-Dollar (man fühlte sich dadurch eher „arm“). Danach schätzten sie ihren Zeitdruck ein.

In der fünften Studie wurde Beschäftigten der Wert ihrer Zeit klar, indem sie ihren Stundensatz kalkulierten. Auch sie machten danach Angaben zu ihrem Zeitdruck.

Je wertvoller die Zeit, desto größer der Zeitdruck

Alle Studienergebnisse zeigen: Je größer der ökonomische Wert der Zeit für den Einzelnen war, desto mehr Zeitdruck wurde wahrgenommen.

Die Personen mit höherem Einkommen– und damit mit nominal wertvollerer Zeit – verspürten im Panel mehr Zeitdruck. Die Studenten mit hohem Stundenlohn gaben mehr Zeitdruck an als ihre Kommilitonen mit niedrigem Stundenlohn.

Teilnehmer, die sich verhältnismäßig wohlhabend einschätzten, waren gestresst und ungeduldig. Und Beschäftigte, die sich ihren Stundenlohn in Erinnerung riefen, aktivierten damit stärker ihren wahrgenommenen Zeitdruck.

Wohlstand erzeugt Zeitdruck

Die Ergebnisse sprechen also dafür, dass Wohlstand selbst Zeitdruck erzeugt, weil er die individuelle Zeit „verteuert“.

Erlebter Zeitdruck hängt danach mit dem Kontext und den Arbeitsbedingungen zusammen: mit der Arbeitszeit, dem Stundenlohn und dem Einkommen. Diese Faktoren fließen in die Bewertung der eigenen Zeit ein und führen dazu, dass sich hochdotierte Beschäftigte besonders gehetzt fühlen.

Diese psychologische Größe „Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Zeit“ ist dabei zentral und könnte in Trainings ein Ansatzpunkt für gestresste Manager sein.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

DeVoe, S. E. & Pfeffer, J. (2011). Time is tight: How higher economic value of time increases feelings of time pressure. Journal of Applied Psychology, 96, 665-676.

Robinson, J. P., & Godbey, G. (1997). Time for life: The surprising ways Americans use their time. University Park: Pennsylvania State University Press.

Aguiar, M. & Hurst, E. (2007). Measuring trends in leisure: The allocation of time over five decades. Quarterly Journal of Economics, 122, 969-1006.

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