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Lernen von Susanne Scheibe:
Sehnsucht nach einem erfüllten Beruf

6. Juli 2011

Sehnsucht bestimmt den Menschen, auch im Beruf. Erstaunlich, dass sich erst seit ein paar Jahren die relative junge Sehnsuchtsforschung damit beschäftigt. Angeregt hatte diese der 2006 verstorbene Entwicklungspsychologe Paul Baltes. Und weitergeführt wurde sie maßgeblich von Susanne Scheibe. Gerade hat sie zusammen mit ihren Forscherkolleginnen eine kulturvergleichende Studie zur Sehnsucht in Deutschland und den USA vorgelegt. Hier werden ihre Ergebnisse im Hinblick auf Beruf, Arbeit und Karriere referiert.

Utopie eines vollkommenen Lebens

Gibt es so etwas wie Wagners Sehnsuchtsmotiv aus Tristan und Isolde auch im Beruf? Hat diese schmerzlich-schöne „Utopie eines vollkommenen und perfekten Lebens“, wie der Entwicklungspsychologe Paul Baltes (2008, S. 77) die Sehnsucht beschreibt, Einfluss auf unsere berufliche Identität und unsere lang gehegten Karriereziele?

Die Sehnsuchtsforscherin Susanne Scheibe, Schülerin von Baltes und ehemalige Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, hat sich u.a. diesen Fragen in ihrer 2005 vorgelegten Dissertation „Sehnsucht als ein neuer Lebensspannen-Begriff“ gewidmet. Inzwischen unterrichtet sie nach einem mehrjährigen Forschungsaufenthalt in Standford als Assistenzprofessorin an der Universität Groningen im Fach Arbeits- und Organisationspsychologie.

Für Scheibe und Baltes ist die Sehnsuchtsforschung der Versuch, eine „Lücke zu schließen, und dabei deutlich zu machen, wie wichtig und lohnenswert es für entwicklungspsychologische Forschung sein kann, herauszufinden, inwieweit Menschen von Überzeugungen, Gedanken und Gefühlen geleitet werden, die ein besseres, wenn nicht sogar utopisch ‚anderes Leben‘ betreffen“ (Baltes, 2008, S. 78).

Hier sollen die wichtigsten Ergebnisse genannt werden, die die berufsbezogene Sehnsucht betreffen und die Susanne Scheibe durch ihre empirischen Untersuchungen herausgefunden hat (Scheibe, 2005; Scheibe et al., 2007; Scheibe et al., 2011). Denn auch im Beruf und bei der täglichen Arbeit kann Sehnsucht eine stetige Quelle der Motivation oder der stillen Resignation sein.

Was ist Sehnsucht?

Bei ihrer Definition greifen die Forscher auf die Begriffserklärung zurück, wie sie im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm steht:

„Ein hoher Grad eines heftigen und oft schmerzlichen Verlangens nach etwas, besonders wenn man keine Hoffnung hat das Verlangte zu erlangen, oder wenn die Erlangung ungewiss, noch entfernt ist.“ (Bd. 16, Sp. 157 bis 158)

Sehnsucht umfasst danach Gedanken und Gefühle zum erwünschten, optimalen, idealen oder utopischen Leben. Deutlich wird dabei der Kontrapunkt der Sehnsucht: Es verlangt einen nach diesem lieblichen Ort, gleichzeitig aber beklagt man den bittersüßen Verlust, diesen nie zu erreichen. Die unerreichbare persönliche Utopie und die erlebte Unvollständigkeit sind damit die beiden wichtigsten Bestimmungsmerkmale der Sehnsucht.

Sechs Merkmale der Sehnsucht

Insgesamt haben Susanne Scheibe und ihre Kollegen sechs Merkmale der Sehnsucht ausgemacht (mit einer Beispielaussage aus ihrem Life Longing Questionnaire, LLQ, Scheibe et al., 2011, S. 607):

  • Unvollständigkeit: Man hat das Gefühl, dass einem etwas im Leben fehlt oder etwas unfertig ist („Meine Sehnsucht bedeutet, dass ich eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben vermisse.“)
  • Unerreichbarkeit: Im Zentrum steht eine persönliche Utopie, der man sich zwar annähern kann, aber sie wohl nie erreichen wird („Ich habe Sehnsucht nach etwas, das zu vollkommen ist, um sich zu erfüllen.“)
  • Gefühlsambivalenz: Da man ein ersehntes Ziel vor Augen hat und gleichzeitig weiß, dass man dieses nie erreichen wird, sind die Gefühle immer angenehm (Freude, „Süße“) und zugleich unangenehm (Traurigkeit, „Bitterkeit“, „Ich erlebe meine Sehnsucht gleichzeitig als angenehm und unangenehm.“)
  • Reflexion: Man denkt über das, was man sich wünscht, intensiv nach, ist mitunter selbstkritisch und bewertet es ausgiebig („Meine Sehnsucht veranlasst mich dazu, viel über die Bedeutung und den Sinn meines Lebens nachzudenken.“)
  • Dreizeitigkeitsfokus: Man hat gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Blick. Bedeutsame Erfahrungen, momentanes Erleben und vorausschauende Erwartung durchdringen sich („In meiner Sehnsucht sind Erinnerungen an meine Vergangenheit und die Phantasien über meine Zukunft miteinander verbunden.“)
  • Symbolgehalt: Sehnsucht ist reich an symbolischer Bedeutung. Die Sehnsuchtsobjekte stehen stellvertretend für weiterreichende empfundene und erdachte Werte („Das wonach ich mich sehne, stellt ein Gefühl dar, das für etwas in meinem Leben steht.“)

Ein fiktives Beispiel für einen Mann, der eigentlich gerne Musiker geworden wäre, mag diese sechs Merkmale veranschaulichen:

Ich wollte immer Sänger werden. Die meiste Zeit im Leben Musik zu machen – das fehlt mir (Unvollständigkeit). Hauptberuflich werde ich wohl nicht mehr in einer Band singen oder in einem Club spielen können, obwohl das immer noch mein großer Lebenstraum ist (Unerreichbarkeit). Es macht mich glücklich, an einen Bob-Dylan-Song zu denken. Gleichzeitig bedauere ich, das nicht jeden Tag tun zu können (Gefühlsambivalenz). Ich frage mich oft, was ich im Leben hätte anders machen können, um mir eine Karriere als Sänger oder Songwriter aufzubauen (Reflexion). Ich habe schon als Kind gerne gesungen und Klavier gespielt. Und jetzt träume ich manchmal nachts davon. Es beschäftigt mich, und es ist immer noch ein inniger Wunsch von mir (Dreizeitigkeitsfokus). Singen stellt für mich eine kreative Energie dar, die man aufs Publikum übertragen und den Zuhörern schenken kann (Symbolgehalt).

Über 1.000 Personen wurden befragt

Das Team um Susanne Scheibe führte mehrere Untersuchungen mit über 1.000 Personen durch: eine Fragenbogenstudie mit 299 Berlinern im Alter von 19 bis 81 Jahren (Scheibe et al., 2007), eine Onlinestudie mit 540 Deutschen und 169 US-Amerikanern im Alter von 18 bis 69 Jahren und eine Fragebogenstudie mit 268 US-Amerikanern im Alter von 20 bis 81 Jahren. Die kulturvergleichenden Studien veröffentlichten die Forscherinnen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Developmental Psychology.

Das Vorgehen sah dabei so aus, dass die Teilnehmer ihre beiden wichtigsten Sehnsüchte nennen sollten, die umschrieben waren mit:

„Verlangen, Träume oder Wünsche bezogen auf Personen, Gegenstände, Erfahrungen, Ereignisse oder Bedingungen des Lebens beziehungsweise der Welt, die intensiv, andauernd oder wiederkehrend und gegenwärtig sehr unwahrscheinlich oder nicht einfach zu erreichen sind.“ (Scheibe et al., 2011, S. 607)

Diese sollten sie dann mit den Fragen aus dem LLQ hinsichtlich der sechs Strukturmerkmale einschätzen. Außerdem wurden zwei Entwicklungsfunktionen der Sehnsucht erfasst: inwiefern sie konkreter Richtungsgeber war („Meine Sehnsucht zeigt mir, was in meinem Leben wirklich von Belang ist.“) oder inwieweit sie zur Bewältigung der Unerreichbarkeit diente („Durch meine Sehnsucht kann ich ein wenig das kompensieren, was ich im wirklichen Leben vermisse.“). Schließlich wurden noch das Wohlbefinden und der subjektive Gesundheitszustand ermittelt.

Ergebnisse zur berufsbezogenen Sehnsucht

Berufsbezogene Sehnsucht gehörte zu den häufigsten Sehnsuchtsthemen. Die Themen „Arbeit und Ausbildung“ rangierten insgesamt an 10. Stelle (nach körperlichem Wohlbefinden, Familie, Persönlichkeitseigenschaften, Partnerschaft, Gesundheit, Freundschaft, Freizeit, Lebensart und gesellschaftlichen Werten).

Dabei hatten Jüngere häufiger Sehnsucht nach einem erfüllten Beruf (7. Rang bei 40- bis 59-jährigen; 8. Rang bei 19- bis 39-jährigen) als Ältere (12. Rang bei 60- bis 81-jährigen). Unter den drei wichtigsten Sehnsüchten fanden sich also häufig berufliche Wünsche. Susanne Scheibe und ihre Mitarbeiter (2007, S. 784) nennen jene einer 26-jährigen Frau:

  1. ein Kind bekommen
  2. einen sicheren Job haben
  3. gesund bleiben

und eines 63-jährigen Mannes:

  1. ein wichtiges Buch schreiben
  2. eine tragende Freundschaft eingehen
  3. den idealen Partner finden

Die Themen beruflicher Sehnsucht ändern sich mit dem Alter. Als Beispiele greift Scheibe (2005, S. 99) in ihrer Dissertation heraus:

  • Jüngere Person: „Einen Doktortitel erwerben und der Chef einer Firma werden. Ein hohes Bildungsniveau erreichen, sehr eigenständig arbeiten und andere führen.“
  • Person mittleren Alters: „Einen Job finden: Ohne Arbeit hat man kein normales Leben, keine soziale Teilhabe, kein Selbstwertgefühl.“
  • Ältere Person: „Ein Künstler werden: Ich wollte immer ein Künstler werden, was nicht möglich war durch die Umstände während des Krieges und mein Alter.“

Sowohl bei Deutschen als auch bei US-Amerikanern fand sich die Sechs-Facetten-Struktur der Sehnsucht. Allerdings hatten Amerikaner generell höhere Sehnsuchtsausprägungen als Deutsche. Und für sie war auch die berufliche Sehnsucht weitaus wichtiger als bei Deutschen. Das Thema „Finanzen“ lag auf Platz 2, die Themen „Arbeit und Ausbildung“ auf Platz 4 (Platz 1 nahm das Thema „Spiritualität“ ein, Platz 3 „Lebensart“).

Außerdem zeigte sich, dass Sehnsucht bei US-Amerikaner eine etwas andere Funktion hatte. Während Deutsche mit ihrer Sehnsucht stärker Unerreichbares kompensierten, nutzten Amerikaner ihre Sehnsucht eher dazu, ihrem Leben eine Richtung zu geben.

Übergreifend war zu erkennen, dass Personen mit starker Sehnsucht im Vergleich zu jenen, die sich wenig sehnten:

  • ihrem Leben eher eine Richtung geben konnten
  • besser mit Dingen umgehen konnten, die sich nicht umsetzen ließen, aber auch
  • eher unzufrieden waren, ein geringeres Wohlbefinden hatten und einen schlechteren Gesundheitszustand angaben

Berufliche Sehnsucht als Auslöser für Spitzenleistungen

Man kann also schlussfolgern, dass Sehnsucht nach einem erfüllten Beruf die Karriere und die Arbeitsleistung einer Person nachhaltig prägen. Durch sie werden eigenständig Ziele angesteuert und sie kann Auslöser für herausragende Leistungen sein. Baltes (2008, S. 83) resümiert dazu: „Und in dieser Rolle schätzen auch Künstler und Kunsthistoriker die Bedeutung von Sehnsucht als Auslöser von Kreativitätsschüben, die zu Spitzenleistungen führen.“

Zehrende Sehnsucht muss dabei nicht unbedingt mit einem geringeren Wohlbefinden einhergehen. Diejenigen, die ihr Sehnsuchtserleben steuern konnten, waren nicht unglücklicher als jene mit schwach ausgeprägtem Sehnsuchtsgefühl. Insofern lässt sich mit der Aufforderung schließen: Entdecke deine Sehnsucht – auch und gerade im Beruf!

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Susanne Scheibe, Fredda Blanchard-Fields, Maja Wiest & Alexandra M. Freund (2011). Is Longing Only for Germans? A Cross-Cultural Comparison of Sehnsucht in Germany and the United States (Abstract). Developmental Psychology, 47 (3), 603–618.

Paul B. Baltes (2008). Positionspapier: Entwurf einer Lebensspannen-Psychologie der Sehnsucht. Utopie eines vollkommenen und perfekten Lebens (Abstract). Psychologische Rundschau, 59 (2), 77-86.

Susanne Scheibe, Alexandra M. Freund & Paul B. Baltes (2007). Toward a Developmental Psychology of Sehnsucht (Life Longings): The Optimal (Utopian) Life (Abstract). Developmental Psychology, 43 (3), 778–795.

Susanne Scheibe (2005). Longing (Sehnsucht) as a new lifespan concept: A developmental conceptualization and its measurement in adulthood. Dissertation an der Freien Universität Berlin.

Isabelle Bareither (8. Oktober 2008). Bittersüße Unvollkommenheit. Sehnsucht motiviert zu großen Leistungen – und hat nichts mit Sucht zu tun, wie Psychologen wissen (PDF). Handelsblatt.

Adelheid Müller-Lissner (2007). Das bittersüße Leben. Psychologie der Sehnsucht: Ein Seminar über das Erbe des verstorbenen Alternsforschers Paul Baltes. Tagesspiegel online.

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