Wirtschaftspsychologie aktuell - Zeitschrift für Personal und Management

Lernen von J. Michael Haynie:
Karrierewechsel nach traumatischen Erfahrungen

30. Juni 2011

J. Michael Haynie hat zusammen mit seinem Kollegen Dean Shepherd eine ausführliche Fallstudie über zehn ehemalige Soldaten vorgelegt, die nach schweren Kampfverletzungen aus dem Militärdienst ausscheiden mussten. Danach strebten sie eine neue Karriere als Unternehmensgründer an.

Dieser Karrierewechsel gelang jenen besonders gut, die zu positiven Grundannahmen über ihr Leben zurückfanden, sich eine neue berufliche Identität erarbeiteten, von Kompetenzerleben und Leidenschaft angetrieben wurden und versuchten, früher erworbene Kompetenzen bei ihrer neuen Tätigkeit als Geschäftsführer einfließen zu lassen.

Forschungsschwerpunkt Unternehmertum

Der Wirtschaftswissenschaftler J. Michael Haynie ist Assistenzprofessor für Unternehmertum an der Universität von Syracuse im US-Bundesstaat New York. Er erforscht, wie Unternehmer denken, entscheiden und handeln.

Zusammen mit Dean Shepherd von der Indiana-Universität in Bloomington hat er jetzt eingehend ehemalige Soldaten untersucht, die infolge einer Kampfverletzung aus dem Militärdienst ausschieden und danach zu Unternehmensgründern ausgebildet wurden. Ihre Ergebnisse haben sie im Journal of Applied Psychology veröffentlicht.

Eine neue Karriere nach Berufsunfähigkeit?

Kann man sich von gravierenden traumatischen Erfahrungen, die einen im bisherigen Arbeitsbereich berufsunfähig machten, wieder so erholen, dass eine neue Karriere möglich ist? Diese Frage trieb die beiden Forscher an, zehn ehemalige Soldaten und Marines auf ihrem Weg in ihr neues Leben zu begleiten. Die Soldaten waren lange bei der Armee und erlitten bei einem Kampfeinsatz gravierende Verletzungen durch Sprengkörper oder Gewehrschüsse.

Danach lagen sie über ein Jahr im Krankenhaus, kamen zur Reha und nahmen an einer 14-monatigen Weiterbildung teil, die sie zu Unternehmensgründern trainierte. Nach dem Training beobachteten die Forscher sie noch zwei Jahre lang auf dem Weg in ihre Selbstständigkeit.

Die Daten, die bei dieser mehrjährigen Studie gesammelt wurden, sind schier überwältigend. Jeder der zehn Teilnehmer wurde mehrfach interviewt. Ihre Akten wurden analysiert, Korrespondenzen gesammelt, Wegbegleiter befragt. Die ehemaligen Soldaten gaben alle acht Wochen zu ihren beruflichen Fortschritten per E-Mail Auskunft.

Schließlich lagen für jeden Befragten 125 Datenseiten vor, die das Denken, Fühlen und Verhalten während ihrer beruflichen Neuorientierung dokumentierten. Die Autoren stellten dann die erfolgreichen Gründer den weniger erfolgreichen gegenüber, um zu ermitteln, welche Faktoren einen beruflichen Neuanfang erleichterten.

Ein Fundament für die berufliche Identität

Entscheidend war, ob es die 30-jährigen Männer nach langem Krankenhausaufenthalt schafften, wieder positive Grundannahmen über sich und andere zu finden. Diese Überzeugungen, dass das Leben grundsätzlich lebenswert und sinnvoll ist, nennen die Autoren das „Fundament für die berufliche Identität“. Es ermöglicht einer Person, weitere konkrete Beschreibungen – ein sogenanntes Karrierenarrativ oder eine berufliche Identität – dafür zu erarbeiten, was man später beruflich tun möchte.

Einem Teilnehmer, den die Forscher „Aaron“ nennen, ist das besonders gut gelungen. Vor dem Existenzgründungstraining beschreibt er seinen Identitätsverlust:

„Ich war ein 23-jähriger, etwas übermütiger Marine. Ich war fit, einer der Besten im Marine-Corps. Und dann passierte es. Ich war komplett hilflos, ohne Hoffnung. Konnte selbst nichts mehr für mich tun. Nachdem ich mir meine erste schwere Verletzung zugezogen hatte, glaubte ich nicht mehr an mich. Ich war fertig, zweifelte an mir selbst. Was sollte ich jetzt anderes sein als ein Marine? Ich sah die dunkle Seite des Lebens, und das konnte ich nicht gebrauchen – ich wollte nicht mehr weiterleben.“ (S. 510)

Ein Jahr nach dem Training konnte er wieder hoffnungsvoller in die Zukunft blicken und darauf seine berufliche Identität gründen:

„Ich denke, als Mensch braucht man Hoffnung. Das gibt einem Lebenssinn. Man muss einen Lebenssinn haben. Meiner ist Unternehmer zu werden.“ (S. 511)

Motiviert durch Kompetenzerleben und Leidenschaft

Die Art der Motivation war ebenfalls entscheidend für den Gründungserfolg. Diejenigen, die ihren neuen Alltag als Unternehmer erfolgreich meisterten, waren davon angetrieben, Kompetenzen und Können zu erleben und leidenschaftlich zu agieren. „Anthony" berichtet über dieses Kompetenzerleben:

„Jemand zu sein, der für die Gesellschaft etwas tun kann, das gibt mir ein Gefühl der Befriedigung, das ich so noch nicht erlebt habe.“ (S. 515)

Und „Andrew" spricht über seine Leidenschaft im neuen Beruf:

„Ich habe mich dazu entschieden, Filme zu machen, um Menschen Geschichten zu erzählen. Das ist wie mit ihnen auf einer anderen Ebene zu reden. Ich mag es zu kommunizieren. Das ist eine echte Leidenschaft von mir.“ (S. 15)

Die Teilnehmer, denen der Übergang in eine eigene Unternehmertätigkeit weniger glückte, waren vor allem durch ein deutliches Sicherheitsstreben motiviert. Sie wollten Geld verdienen, Statussymbole oder Wohlstand erlangen und für ihre Familie sorgen.

Früher erworbene Kompetenzen einbringen

Den Erfolgreichen gelang es auch, früher erworbene Kompetenzen – Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten – bei ihrer neuen Tätigkeit als Geschäftsführer einzubringen. Das konnten Kompetenzen sein, die beim Militär erworben wurden:

„Ressourcenplanung, Lebenserfahrung, Risikomanagement – all das braucht man im Geschäftsalltag. Und all diese wertvollen Dinge kannst du beim Militär lernen.“ (S. 516)

Oder Kompetenzen, die aus der Bewältigung des Traumas erwuchsen, wie etwa die Überzeugung, dass man vor Verlusten und Rückschlägen gefeit ist:

„Egal, was an meinem schlimmsten Tag passiert – wenn mein Büro abbrennt und meine gesamte Ausrüstung von 50.000 Dollar ohne Versicherung weg ist – an diesem Tag wird es nicht schlimmer sein als damals bei meiner Verletzung. Soweit wird es nicht wieder kommen. Und das ist eine Art Inspiration für mich.“ (S. 516)

Was beim Karrierewechsel hilft

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass folgende Aktivitäten helfen, selbst nach einem schweren Unfall wieder eine berufliche Orientierung zu finden:

  • problembezogen und weniger gefühlsbezogen an die Probleme herangehen
  • zu positiven Grundannahmen über sich selbst und die Welt finden
  • nach einer konkreten Beschreibung für das suchen, was man beruflich machen will
  • bei seiner Tätigkeit versuchen, das eigene Können zu spüren und Spaß zu haben
  • Kompetenzen nutzen, die man im früheren Beruf erworben oder bei der Bewältigung des Traumas erlernt hat

Natürlich sind diese Ergebnisse nur bedingt verallgemeinerbar. Es wurde lediglich eine kleine Stichprobe einer vormals sehr spezialisierten Berufsgruppe von Soldaten untersucht.

Dennoch eröffnet die Studie eine neue Sicht auf das, was mit Menschen geschieht, die durch körperliche und psychische Verletzungen ihren alten Beruf nicht mehr ausüben können und eine neue Karriere anstreben.

Ach, und endlich mal eine methodisches Vorgehen, das einer verborgenen Gedanken- und Gefühlswelt angemessen ist: Hayne und Shepherd begnügen sich nicht damit, vorgefertigte Fragebögen zu verteilen, sondern reden mit den Betroffenen. Damit wird nachvollziehbar, wie radikale Karrierewechsel gelingen können.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

J. Michael Haynie (Syracuse University) & Dean Shepherd (Indiana University Bloomington). (2011). Toward a Theory of Discontinuous Career Transition: Investigating Career Transitions Necessitated by Traumatic Life Events (Abstract). Journal of Applied Psychology, Vol. 96, No. 3, 501–524.

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