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Lernen von Sven Gross:
Glücksmomente machen bei Stress munter

22. Juni 2011

Arbeitspsychologen um Sven Gross von der Universität Bern haben herausgefunden, dass erfreuliche Erlebnisse bei der Arbeit Stress abmildern können. Glücksmomente, positives Feedback, kleine Erfolge machen nicht per se munterer. Aber unter Stress bewirken sie, dass man sich am Ende eines Arbeitstages weniger geschlaucht fühlt.

Arbeit und Wohlbefinden

Sven Gross ist Arbeits- und Organisationspsychologe am Psychologischen Institut der Universität Bern. Dort beschäftigt er sich im Forschungsprojekt „Work and Emotions“ damit, wie Arbeitssituationen das Wohlbefinden beeinflussen.

Gerade hat eine Arbeitsgruppe um ihn untersucht, welche Auswirkungen positive Ereignisse auf die Müdigkeit nach Dienstschluss haben. Ihre Ergebnisse haben die Psychologen in der aktuellen Ausgabe des Journal of Applied Psychology veröffentlicht.

Erfrischen angenehme Erfahrungen?

Ausgangspunkt war, dass sich in den wenigen Studien zum Thema nicht eindeutig zeigte, ob erfreuliche Erfahrungen im Büro nun müder oder munterer machen. Die Frage ist deshalb von Bedeutung, weil stetige Müdigkeit ein Warnzeichen für chronische Gesundheitsprobleme sein kann. Wenn angenehme Erfahrungen munterer machen würden, hätte man so einen Hebel zur Vorbeugung von Burnout gefunden.

Notizen in roten und grünen Tagebüchern

Die Forscher drückten 76 Mitarbeitern einer schweizerischen Regierungsbehörde zwei Tagebücher in die Hand: ein rotes für die negativen Erlebnisse und ein grünes für die positiven. An sechs Arbeitstagen, die über einen längeren Zeitraum verteilt waren, sollten sie jede Situation notieren, die sie nervte oder glücklich machte.

Zur Situation wurden einige Fragen gestellt und am Ende des Tages sollten sie ankreuzen, wie verausgabt, erschöpft und erholungsbedürftig sie sich fühlten. Außerdem wurde chronischer sozialer Stress erfasst, der sich z.B. in anhaltenden Konflikten mit Kollegen ausdrückte („Mit einigen Kollegen gibt es häufig Streit.“, S. 658).

Erfolgserlebnisse und Dämpfer

Freudige Ereignisse waren zum Beispiel (S. 658):

  • „Eine Kundin rief an und bedankte sich herzlich dafür, dass ihr Fall so rasch bearbeitet werden konnte.“
  • „Das Jahresgespräch mit meinem Vorgesetzten verlief heute sehr zufriedenstellend.“
  • „Ich konnte heute eine Aufgabe abschließen, von der ich zuerst dachte, dass ich sie heute nicht geschafft bekomme.“

Als Vorkommnisse, die die Stimmung drückten, wurden genannt:

  • „Jemand verlangte, dass die Sitzung zur Haushaltsplanung später beginnen sollte. Damit hatte ich weniger Zeit für andere Aufgaben.“
  • „Ich führte ein anstrengendes Telefonat mit einem Bewerber für meine Arbeitsgruppe.“
  • „Eine neue Kollegin wurde heute eingearbeitet. Ich musste ihr zeitweise meinen Arbeitsplatz überlassen und konnte daher am Vormittag nicht arbeiten.“

Glücksmomente machen munter, aber nur unter Stress

Es zeigte sich, dass wohltuende Begebenheiten nicht per se müder oder munterer machten. Nur wenn die Angestellten einen schlechten Tag hatten und viele Hiobsbotschaften auf sie einprasselten, halfen Glücksmomente.

Sie pufferten die Wirkung der negativen Ereignisse ab, und am Ende des Tages waren die Mitarbeiter deutlich erfrischter. Die Pufferwirkung zeigte sich auch bei chronischem Streit. Lagen Kollegen miteinander im Clinch, so halfen Erfolgserlebnisse, dass sie sich davon weniger ausgelaugt fühlten.

Aufmerksamkeitsfokus ändert sich

Warum machen positive Ereignisse nur bei Stress munterer? Die Forscher schlussfolgern, dass durch sie nicht die Energiereserven aufgefüllt werden – denn auch sie „verbrauchen“ Energie –, sondern dass durch sie der Aufmerksamkeitsfokus geändert wird. Weg vom Grübeln, Ärgern und Fluchen hin zu ermutigenden Gedanken. Damit kann eine Situation besser bewältigt werden. Der Nettogewinn: mehr Energie am Tagesende.

Was ist zu tun?

Die Forscher rufen Führungskräfte dazu auf, vor allem an heiklen Tagen für Aufmunterung im Team zu sorgen:

„Vorgesetzte sollten dazu ermutigt werden, besonders an schwierigen Tagen oder in Teams, in denen es Streit gibt, für positive Momente bei ihren Mitarbeitern zu sorgen. Sie könnten dann etwa positives Feedback für eine erbrachte Leistungen geben, mit Achtung, Empathie und Umsicht reagieren oder solche Aufträge erteilen, die zu Erfolgserlebnissen beim Einzelnen führen.“ (S. 661).

Mit einfühlsamem Blick zu Werke gehen und schützend die Hand über die gestressten Mitarbeiter halten – ob das Führungskräften von heute gelingt?

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Sven Gross, Norbert K. Semmer, Laurenz L. Meier, Wolfgang Kälin, Nicola Jacobshagen (University of Bern and Swiss National Center for Affective Sciences) & Franziska Tschan (University of Neuchâtel). (2011). The Effect of Positive Events at Work on After-Work Fatigue: They Matter Most in Face of Adversity (Abstract). Journal of Applied Psychology, Vol. 96, No. 3, 654–664.

Barbara L. Fredrickson, Roberta A. Mancuso, Christine Branigan & Michele M. Tugade (2000). The Undoing Effect of Positive Emotions (PDF). Motivation and Emotion, Vol. 24, No. 4, 237-258.

Sebastian Beck (2009). Burn-out-Syndrom: Die Müdigkeit der Rastlosen. Süddeutsche Zeitung online.

Werner Stangl (2011). Stress. Institut für P ädagogik und Psychologie der Johannes Kepler Universität Linz.

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