Wirtschaftspsychologie aktuell - Zeitschrift für Personal und Management

Lernen von Xiao-Ping Chen:
Echte Leidenschaft bei der Arbeit macht kreativ

27. April 2011

Wer mit echter Leidenschaft arbeitet, ist kreativer als jemand, der sich zum Arbeiten zwingen muss. Echte Leidenschaft und Kreativität setzen jedoch die Autonomie der Mitarbeiter voraus. Das sind die zentralen Ergebnisse zweier Studien, die Xiao-Ping Chen und ihre Mitarbeiter in China durchführten.

Kreativität als Forschungsthema

Xiao-Ping Chen ist Professorin für Management an der Universität von Washington. Für ihre interkulturelle Forschung und Lehre zu Unternehmensführung und Kreativität hat sie schon ein Duzend Preise gewonnen. Auf ihrer Homepage schreibt sie: „Ich wollte immer eine große Schriftstellerin werden und schreiben wie Victor Hugo oder Roman Rolland. […] Mit dem, was ich tue, bin ich ihnen schon sehr nahe. […] Aber mein Traum bleibt.“

Mit dieser Offenheit für verschiedenste Tätigkeiten – lehren, forschen, schreiben, beraten – hat sie auch Zugang zum Thema Kreativität gefunden. Zusammen mit ihrer Doktorandin Dong Liu und mit Xin Yao hat sie gerade die Kreativität von Arbeitern in China unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse ihrer Studien sind in der aktuellen Ausgabe des Journal of Applied Psychology erschienen.

Ausgangsthese: Leidenschaft und Autonomie machen kreativ

Die Ausgangsthese der Autoren: Besonders kreativ ist, wer seine Arbeit liebt und in ihr aufgeht. Diese Leidenschaft wiederum setzt Freiheit und Autonomie voraus. Warum Autonomie? Weil durch Selbstbestimmung Kontrolle und äußerer Druck verschwinden. Ein Mitarbeiter wird nicht mehr für bestimmte Formen seines Denkens, Fühlens und Handelns bestraft.

Er wird dadurch geistig beweglicher, und auch sein Verhalten wird bunter. Die Grundvoraussetzung für neue Ideen, mit denen Probleme gelöst werden können, ist gegeben. Damit beziehen sie sich auf die Kreativitätsforscherin Theresa Amabile, die schon 1989 herausfand, dass „Autonomie der wichtigste Faktor der Arbeitsumgebung ist, der die Kreativität eines Mitarbeiters antreibt“ (S. 297).

Dreh- und Angelpunkt: Leidenschaft bei der Arbeit

Der Dreh- und Angelpunkt ist Xiao-Ping zufolge aber die echte Leidenschaft, die durch Selbstbestimmung angefacht wird. Leidenschaft für eine Tätigkeit hat man, wenn man sich freiwillig mit einer Handlung identifiziert, sie als Teil des eigenen Selbst ansieht, und – ganz wichtig – die Handlung Spaß macht. Mitarbeiter, die ihre Arbeit auf diese Weise lieben, sagen dann: „Alle neuen Dinge, die ich bei meiner Arbeit entdecke, lassen sie mir noch wertvoller erscheinen.“ Oder: „Meine Arbeit harmoniert mit allen anderen Aktivitäten in meinem Leben.“

Das Gegenteil davon ist ein von außen auferlegter Antrieb, dem man um einer Belohnung willen nachgibt, um z.B. Anerkennung zu erhalten („Arbeit erlebe ich häufig als Zwang“). Echte Leidenschaft hingegen ist das innere, psychische Pendant zur äußeren Freiheit und sollte am stärksten mit Kreativität zusammenhängen.

Zwei Studien in China

Um diese Annahmen zu überprüfen, befragten die Forscher in einer Studie 856 Arbeiter eines chinesischen Metallherstellers und 525 Mitarbeiter einer chinesischen Großbank. Diese sollten ihre Leidenschaft für ihre Arbeit einschätzen und angeben, ob sie von ihrem Team wie ihrer Firma zu Autonomie und Selbstbestimmung angeregt wurden. Vom Teamleiter wurde die Kreativität jedes einzelnen Arbeiters auf einer mehrstufigen Skala eingeschätzt.

Außerdem sollten sie sagen, ob sie eher selbst- oder fremdbestimmt handelten. Dazu mussten sie ihr Urteil zu 12 Situationen aus der General Causality Orientations Scale abgeben. Eine Situation lautete (S. 299):

Ihnen wird eine neue Stelle in einer Firma angeboten, wo Sie schon einige Zeit arbeiten. Wie gehen Sie die Entscheidung an? Antwortmöglichkeiten:

  • Ich frage mich, ob ich dieser neuen Aufgabe gerecht werden kann. (fremdbestimmt)
  • Ich frage mich, ob ich aus dieser Stelle etwas machen kann. (beeinflusst)
  • Ich frage mich, ob mich diese neue Arbeit interessiert. (selbstbestimmt)

Ergebnisse: kreativ durch Leidenschaft

Mehr Kreativität durch Selbstbestimmung. Ein Mitarbeiter war kreativer, wenn er 1) im Team und 2) in der Firma zur Selbstbestimmung ermuntert wurde, wenn 3) ihm selbst viel an Autonomie und Unabhängig gelegen war und 4) wenn er echte Leidenschaft für seinen Job mitbrachte.

Echte Leidenschaft war zentral. Sie vermittelte den Effekt zwischen Selbstbestimmung und Kreativität. Es kommt also darauf an, dass man seine Arbeit gern tut, sie als frei gewählt und als Teil der eigenen Persönlichkeit betrachtet. Erst dann läuft man zu kreativer Hochform auf.

Gut war, wenn Firma und Teamleiter die Selbstbestimmung unterstützten. Wenn das Unternehmen die Eigenständigkeit der Mitarbeiter unterstützte, konnte dies mangelndes Autonomiebestreben des Einzelnen kompensieren. Auch ein eher fremdbestimmter Arbeiter handelte in diesem Klima freier und wurde dadurch kreativer.

Leidenschaft herauskitzeln

Die Autoren rufen dazu auf, dass Führungskräfte die Leidenschaft ihrer Mitarbeiter herauskitzeln sollen. Das kann aber nicht durch das klassische Machtgebaren geschehen, sondern nur durch offene, transparente Kommunikation, Mitbestimmung und Anregungen zur Arbeitsplatzgestaltung.

Außerdem regen sie dazu an, die Leidenschaft als Trainingsziel zu verankern. Auch wenn „echte Leidenschaft bei der Arbeit“ etwas gefühlsduselig klingt: Sie ist gut messbar und eine Erlebensqualität ersten Ranges, wenn es um herausragende Leistungen geht.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Dong Liu and Xiao-Ping Chen [University of Washington] & Xin Yao [University of Colorado at Boulder] (2011). From Autonomy to Creativity: A Multilevel Investigation of the Mediating Role of Harmonious Passion (Abstract). Journal of Applied Psychology, Vol. 96, No. 2, 294-309.

Edwald L. Deci & Richard M. Ryan (1985). The General Causality Orientation Scale: Self-Determination in Personality (PDF). Journal of Research in Personality, 19, 109-134.

Adam M. Grant & James W. Berry (2011). The necessity of others is the mother of invention: Intrinsic and prosocial motivations, perspective taking, and creativity (PDF). Academy of Management Journal, 54, 73-96.

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