Wirtschaftspsychologie aktuell - Zeitschrift für Personal und Management

Lernen von Terence Tracey: Authentizität und berufliche Unentschiedenheit

1. April 2011

Terence Tracey und Nathan White zeigen in einer neuen Studie, dass Authentizität mit beruflicher Klarheit und Entschiedenheit einhergeht. Offensichtlich ist es für die berufliche Laufbahn wichtig, dass man zu sich selbst steht und seine Interessen nach außen gut vertreten kann.

Berufliche Probleme

Terence Tracey ist Professor für psychologische Beratung an der Arizona State University. Bekannt wurde er durch seine Forschung zu beruflichen Interessen. In mehreren Metaanalysen fand er heraus, dass es weltweit sechs gut zu unterscheidende Interessensbereiche gibt: den praxisbezogenen, forschenden, künstlerischen, sozialen und konventionellen Typus. Tracay befasst sich vor allem mit Problemen, die bei der Berufswahl und im weiteren Karriereverlauf auftauchen können.

537 Studenten befragt

In einer aktuellen Studie, die im Journal of Vocational Behavior erschienen ist, hat er mit Nathan White untersucht, wie Authentizität und berufliche Unentschiedenheit zusammenhängen. Ihre Vermutung: Wer klar zu sich selbst steht und aus seinen Wünschen keinen Hehl macht, dem fällt es auch leichter, sich für eine berufliche Laufbahn oder Ausbildung zu entscheiden. Sie fragten 537 Studenten, ob sie sich selbst als authentisch betrachteten, und danach, wie entschieden sie im Hinblick auf ihren späteren Beruf waren.

Authentizität erfassen

Authentizität schätzten die Studenten anhand der „Authenticity Scale“ ein. Dieser Fragebogen wurde von Alex Wood und Kollegen in einer groß angelegten Untersuchung entwickelt und erfasst, wie offen der Befragte für seine Bedürfnisse eintritt und zu seinen Gedanken und Gefühlen steht. Er erschließt diesen authentischen Umgang mit sich selbst in drei Bereichen: Selbstentfremdung (Beispielfrage: „Ich fühle mich von mir selbst entfremdet“), äußere Einflüsse akzeptieren („Andere beeinflussen mich stark.“) und authentisch leben („Ich bin in den meisten Fällen ehrlich zu mir selbst.“). Wer niedrige Werte bei Selbstentfremdung und äußeren Einflüssen und hohe beim authentischen Leben hat, ist danach authentisch.

Berufliche Unentschiedenheit

Menschen, die beruflich unentschieden sind, können sich nur schwer für eine Ausbildung entscheiden, sind sich über ihre Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnisse nicht im Klaren und haben lediglich ein vages Berufsziel vor Augen. Berufliche Unentschiedenheit wird von vier Faktoren bestimmt:

  • Negative Gefühle: Man hat Angst oder sorgt sich um seine berufliche Zukunft.
  • Mangelnde Informationen: Man ist schlecht informiert, was Bildungswege, Berufsbilder und berufliche Realitäten angeht
  • Innere Konflikte und Barrieren: Man liegt mit sich selbst im Clinch oder hat Bedürfnisse, die sich widersprechen.
  • Fehlende Selbstklarheit: Man kann seine Interessen und Fähigkeiten nicht klar benennen und hat keinen Zugang zu den Gefühlen, die damit zusammenhängen.

In Fühlung mit sich selbst

Es zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Authentizität und beruflicher Unentschiedenheit: je authentischer und selbstbestimmter eine Person war, desto klarer waren ihre beruflichen Ziele und desto entschiedener war sie im Hinblick auf ihre Karriere. Dabei war der Faktor der Selbstentfremdung maßgeblich. Ob eine Studentin in Fühlung mit sich selbst stand oder nicht, war für ihre berufliche Entschiedenheit ausschlaggebend. Wenn sie einen guten Zugang zu ihren Gefühlen und zu ihren Wertvorstellungen hatte, fühlte sie sich auch insgesamt besser und über ihre eigene Person im Klaren.

Die gesamte innere Erlebenswelt zugänglich machen

Die Autoren schlussfolgern daher, dass es bei einer Karriereberatung wichtig ist, eine mögliche Selbstentfremdung abzubauen: „Maßnahmen, die dem Klienten helfen, die Gesamtheit seiner inneren Erlebenswelt wahrzunehmen (Gefühle, Gedanken, körperliche Zustände), sind für ein selbstbestimmtes Funktionieren zentral und sollten nicht länger übergangen werden“ (S. 223).

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:
Nathan J. White & Terence J.G. Tracey (2011). An examination of career indecision and application to dispositional authenticity (Abstract). Journal of Vocational Behavior, 78, 219–224.

Alex M. Wood, P. Alex Linley, John Maltby, Michael Baliousis & Stephen Joseph (2008). The authentic personality: A theoretical and empirical conceptualization and the development of the authenticity scale (PDF). Journal of Counseling Psychology, 55, 385–399.

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