17. März 2011
Lernen von Adam Okulicz-Kozaryn:
Arbeitszeit und Lebenszufriedenheit
Adam Okulicz-Kozaryn ist Politikwissenschaftler an der Universität in Dallas. Promoviert hat er mit einer kulturvergleichenden Untersuchung zu Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und Glücksempfinden. In einem Beitrag der neuen Ausgabe des Journal of Happiness Studies überprüfte er, wie Arbeitszeit und Lebenszufriedenheit zusammenhängen.
Daten aus den USA und der EU ausgewertet
Er hat dabei für die USA Daten der Untersuchungsreihe „General Social Survey (GSS)“ und für die EU Daten der regelmäßigen Meinungsumfrage „Eurobarometer“ ausgewertet. Im GSS lautete die Frage nach der Lebenszufriedenheit: „Würden Sie sagen, dass Sie derzeit sehr glücklich, weitestgehend glücklich oder nicht so glücklich sind?“ Im Eurobarometer: „Würden Sie sagen, dass Sie sehr zufrieden, ganz zufrieden, nicht sehr zufrieden oder überhaupt nicht zufrieden mit Ihrem Leben sind?“ (S. 277).
Des einen Freud, des anderen Leid
Herauskam, dass die US-Amerikaner sich am besten fühlten, wenn sie eher viel arbeiteten. Hier lag der Glückshöhepunkt bei 50 bis 59 Wochenarbeitsstunden. Die Europäer waren am glücklichsten, wenn sie eine moderate Arbeitsdauer angaben. Das Optimum lag hier bei 35 bis 39 Wochenarbeitsstunden.
Anders ausgedrückt: Ein Amerikaner kann sein Glück um 10 Prozent steigern, wenn er seine Arbeitsstunden pro Woche von 17 auf 60 steigert. Ein Europäer wird in gleichem Maße zufriedener, wenn er seine Arbeitszeit von 60 auf 17 Stunden senkt.
Überstunden sind in den USA attraktiver
Wie erklären sich diese unterschiedlichen Zusammenhänge? Okulicz-Kozaryn hat drei Erklärungsansätze: Erstens lohnt sich Arbeiten für US-Amerikaner mehr als für Europäer, weil sie zum Beispiel weniger Steuern zahlen müssen. Mehrarbeit ist damit ein unmittelbarer Anreiz. Zweitens sind die Arbeitnehmer in den USA weniger an tariflich geregelte Arbeitszeiten gebunden.
Und drittens spielt die protestantische Arbeitsethik in den USA noch immer eine Rolle. Wohlstand durch viel Arbeit ist so etwas wie ein Gnadenbeweis. Damit ist in den USA das Statusstreben stark ausgeprägt. In Europa hängt das größtmögliche Glück hingegen eher mit Muße zusammen.
Wirkungsrichtung bleibt fraglich
Die Studie zeigt, dass sich Arbeitsbedingungen nicht stets in gleicher Weise auf die Zufriedenheit auswirken. Entscheidend dürfte sein, wie der Einzelne sie durch seine kulturell geprägten Erfahrungen und Denkstile einschätzt. Die Wirkungsrichtung kann die Studie letztlich nicht ausmachen. Ob man in Europa glücklicher ist, weil man weniger arbeitet, oder weniger arbeitet, weil man glücklich ist, bleibt offen.
Wirtschaftspsychologie-aktuell.de
Weiterführende Informationen
Adam Okulicz-Kozaryn (2011). Europeans Work to Live and Americans Live to Work (Who is Happy to Work More: Americans or Europeans?) [Abstract]. Journal of Happiness Studies, 12, 225–243
Edward C. Prescott (2004). Why Do Americans Work So Much More Than Europeans? (PDF). Federal Reserve Bank of Minneapolis Quarterly Review, 28, 2–13.
Wharton (Ed.). (2006). Reluctant vacationers: Why Americans work more, relax less, than Europeans.
David G. Myers (2000). The funds, friends, and faith of happy people (PDF). American Psychologist, 55, 56–67.
Ursula Kals (2010). Bessere Stimmung: Zurück zum Arbeitsglück. Frankfurter Allgemeine Zeitung online.
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