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Lernen von Ryan Daniel Duffy: Berufung im Beruf

11. März 2011

Ryan Daniel Duffy ist Juniorprofessor am Psychologischen Institut der Universität Florida. Sein Forschungsschwerpunkt ist Berufung. Berufung? Haben wir uns in unserer nachaufklärerischen Zeit nicht längst von diesem sakral anmutenden Begriff verabschiedet?

Offensichtlich nicht, denn im Tumult der Kündigungswellen und Karrierebrüche sehnt sich der Einzelne nach einem inneren Anker für seine fragile Karriere: nach Erfüllung, Lebenssinn, Berufung. Und in der Tat, eine neue Untersuchung von Ryan Duffy, Bryan Dik und Michael Steger im Journal of Vocational Behavior zeigt, dass es nützlich sein kann, seine Berufung zu entdecken.

Was ist das, Berufung?

Unter Berufung verstehen die Autoren eine Art überweltliche Aufforderung, einer bestimmten beruflichen (oder privaten) Tätigkeit nachzugehen. Sie wird als von außen an sich herangetragen erlebt, z.B. durch soziale Notwendigkeiten, die eigene Geschichte, das Schicksal oder Gott.

Sie schließt Werte sowie Ziele ein, die sich auf andere beziehen und die den Berufenen selbst motivieren. Und sie ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein länger andauernder Vorgang, was sich an Aussagen zeigt wie: „Ich habe immer nach meiner Berufung gesucht“ oder „Ich habe eine Berufung in mir gespürt, die immer klarer wurde“.

Kann man Berufung messen?

Sollte man so etwas Transzendentes wie Berufung messen? Ja, sagen die Empiriker. Denn nur was man messen kann, lässt sich genauer untersuchen, klären und nutzen. Um den Grad der erlebten Berufung einzuschätzen, gibt es z.B. die Brief Calling Scale (ein Item darin: „Ich sehe mich zu besonderen Tätigkeiten berufen.“).

Die Autoren der vorliegenden Studie verwendeten den Calling and Vocation Questionnaire, der das Wort „Berufung“, das für manche etwas abgehoben klingt, vermeidet (S. 221):

  • „Ich fühle mich von etwas, was außerhalb meiner selbst liegt, zu meiner beruflichen Laufbahn bestimmt.“
  • „Meine Karriere gibt mir Lebenssinn.“
  • „Etwas Bedeutsames zu tun, motiviert mich am meisten im Beruf.“

Was macht Berufung mit einem?

Bisherige Studien zeigen, dass Personen, die sagen, sie fühlen sich zu ihrem Job berufen, mehr Vergnügen bei ihrer Arbeit haben. Sie sind zufrieden mit ihrem Beruf. Sie haben eine klare Vorstellung darüber, wo es beruflich hingehen soll. Und sie haben ein klares berufliches Selbstkonzept. Doch weshalb wirkt sich die Berufung auf die berufliche Zufriedenheit aus?

Berufungsstudie mit 370 Universitätsangestellten

Ryan Duffy und seine Kollegen vermuteten, dass es einen Vermittler zwischen Berufung und Zufriedenheit gibt: das Ausmaß, mit dem man sich mit seiner Arbeit gefühlsmäßig und gedanklich identifiziert (Career Commitment, z.B.: „Mein Beruf ist ideal für mein Leben.“). Sie ließen 370 Universitätsangestellte einen Fragebogen per E-Mail ausfüllen, darunter Professoren, Hilfskräfte, Verwaltungsangestellte, Bibliothekare und IT-Spezialisten.

Berufung und Identifikation gehen Hand in Hand

Es zeigte sich, dass die berufliche Identifikation eng mit dem Gefühl der Berufung verbunden war. Beide bestimmten maßgeblich, ob die Uni-Angestellten mit ihrem Beruf zufrieden waren, ob sie kündigen wollten (negativer Zusammenhang) und ob sie sich mit ihrer Uni identifizierten.

Von der Berufs- zur Berufungsberatung

Die Autoren haben bereits an anderer Stelle Vorschläge gemacht, wie man einzelne Aspekte der Berufung in die Berufs- und Karriereberatung integrieren kann (Dik, Duffy & Eldridge, 2009).

Eine Schlussfolgerung lässt die vorliegende Studie dafür zu: Es macht Sinn, sich Berufung und berufliche Identifikation getrennt anzusehen. Denn wenn der Klient sich zu seinem Beruf berufen fühlt, aber seine derzeitige Tätigkeit hasst, sollte man sich seine Arbeitsumgebung genauer ansehen anstatt weitschweifig mit ihm ein neues berufliches Selbstkonzept zu erarbeiten.

Die Autoren raten auch dazu, dass ein Unternehmen seinen Mitarbeitern Freiräume geben soll, um sich eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die zur Berufung passt. So könnte wohl selbst ein zweiter Gandhi bei einer Investmentbank glücklich werden – vorausgesetzt man unterstützt sein soziales Engagement und Gerechtigkeitsstreben.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

Ryan D. Duffy [Department of Psychology, University of Florida], Bryan J. Dik & Michael F. Steger [Department of Psychology, Colorado State University] (2011). Calling and work-related outcomes: Career commitment as a mediator (Abstract). Journal of Vocational Behavior, 78, 210-218.

Bryan J. Dik & Michael F. Steger (2008). Randomized trial of a calling-infused career workshop incorporating counselor self-disclosure (PDF). Journal of Vocational Behavior, 73, 203-211.

Dik, B. J., & Duffy, R. D. (2009). Calling and vocation at work: Definitions and prospects for research and practice (Abstract). The Counseling Psychologist, 37, 424−450.

Steger, M. F., Pickering, N. K., Shin, J. Y., & Dik, B. J. (2010). Calling in work: Secular or sacred? (PDF). Journal of Career Assessment, 18, 82-96.

Steger, M. F., Oishi, S., & Kashdan, T. B. (2009). Meaning in life across the life span: Levels and correlates of meaning in life from emerging adulthood to older adulthood (PDF). Journal of Positive Psychology, 4, 43-52.

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