Wirtschaftspsychologie aktuell - Zeitschrift für Personal und Management

Lernen von David Richards: Bindungsverhalten am Arbeitsplatz

23. Februar 2011

David A. Richards ist Juniorprofessor für Human Resources and Organizational Behaviour an der Lakehead University in Thunder Bay (Provinz Ontario in Kanada). Ein Schwerpunkt seiner Forschung sind zwischenmenschliche Beziehungen am Arbeitsplatz.

Zusammen mit Aaron Schat von der McMaster University hat er jetzt das Bindungsverhalten von Studenten und Angestellten untersucht und dieses in Beziehung zu anderen Verhaltensweisen gesetzt, die am Arbeitsplatz wichtig sind – veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe des Journal of Applied Psychology.

Bindungsverhalten und Bindungsstile

Die Forschung zum Bindungsverhalten geht auf John Bowlby zurück. Er nahm in seiner Bindungstheorie an, dass Kleinkinder in der frühen Beziehung zur Mutter (oder ersten Bezugsperson) lernen, ob ihnen diese Person Fürsorge und Unterstützung angedeihen lässt und ob es selbst zu einer angemessenen Reaktion fähig ist.

Diese Lernerfahrungen prägen nachhaltig, ob man andere und sich selbst positiv oder negativ wahrnimmt. Die Vorstellung, ob die Mitmenschen einem eher wohlgesinnt sind oder bedrohlich erscheinen, geht mit einer Tendenz einher, Bindung zu ihnen zu suchen oder zu vermeiden. Wenn man sich selbst positiv sieht, korrespondiert das mit weniger Angst davor, von anderen abgelehnt zu werden.

Nach Kim Bartholomew und Leonard Horowitz (1991) spannen diese zwei Dimensionen (1) „Sicht auf andere/Vermeidung“ und (2) „Sicht auf sich selbst/Angst“ ein Koordinatensystem für vier typische Bindungsstile auf (siehe Abbildung):

  • Sicher. Man sieht sich selbst und andere positiv und kann gut Nähe und Distanz aushalten.
  • Ängstlich-verstrickt. Man sieht sich selbst negativ und andere positiv und versucht, leidenschaftliche Beziehungen mit dem Ziel des Selbstwerterhalts aufzubauen.
  • Gleichgültig-vermeidend. Man sieht sich selbst positiv und andere negativ und vermeidet es, Gefühle zu zeigen.
  • Ängstlich-vermeidend. Man sieht sich selbst und andere negativ, hat ein großes Bedürfnis nach Nähe, aber gleichzeitig Angst davor.

Bindungsstile

Vier Bindungsstile (in Anlehnung an
Bartholomew & Horowitz, 1991, S. 227)

Untersuchungen zeigen, dass Kinder und Erwachsene diesen Typen zugeordnet werden können und dass ihr entsprechendes Verhaltensmuster immer dann zum Vorschein kommt, wenn sie längerfristige Beziehungen aufbauen wollen.

Bindungsdimensionen am Arbeitsplatz

David Richards und Aaron Schat nahmen an, dass sich Bindungsmuster auch am Arbeitsplatz zeigen, denn auch hier geht es oft darum, tragfähige Beziehungen zu Kollegen oder Geschäftspartnern aufzubauen.

Sie ließen 460 Studenten und Angestellte einen Fragebogen beantworten, der die beiden Dimensionen Bindungsangst („Ich habe Angst, den Kontakt zu anderen zu verlieren.“) und Bindungsvermeidung („Ich fühle mich unwohl, wenn ich mich anderen gegenüber öffnen soll.“) aufdeckte. Die Forscher wollten das Bindungsverhalten lieber hinsichtlich der grundlegenden Dimensionen messen als es mit einer Typologie erfassen.

Zudem erhoben sie – ebenfalls mit Fragebogen - arbeitsrelevante Verhaltensweisen wie Suche nach Unterstützung („Ich versuche Unterstützung von Kollegen zu bekommen.“), Unterdrückung von Gefühlen („Ich kontrolliere meine Gefühle, indem ich sie nicht zeige.“), freiwilliges Arbeitsengagement („Ich nehme an Sitzungen teil, die zwar nicht verpflichtend, für mich aber wichtig sind.“) und Kündigungsabsichten.

Bindungsängstliche und Bindungsvermeider

Es zeigte sich, dass Beschäftigte, die Angst vor Beziehungen hatten:

  • ihre Kollegen häufiger baten, sich ihre Probleme anzuhören und ihnen zu helfen
  • sich seltener freiwillig für die Firma einsetzten und
  • eher kündigen wollten

als weniger bindungsängstliche Arbeitnehmer.

Personen mit der Tendenz, Bindungen aus dem Weg zu gehen:

  • unterdrückten ihre Gefühle eher und
  • baten ihre Kollegen seltener, ihnen zu helfen.

Bindungsverhalten im Blick behalten

Die Forscher raten, dass Führungskräfte mehr auf das Bindungsverhalten ihrer Mitarbeiter achten sollten. So ist es weniger ratsam, Bindungsvermeider mit emotionaler Unterstützung zu überhäufen, wenn diese lediglich in Ruhe gelassen werden wollen.

Bei Bindungsängstlichen kann ein freundlicher Umgangston hingegen bewirken, dass sie sich öffnen und sich langfristig vielleicht sogar mehr fürs Unternehmen engagieren.

Wirtschaftspsychologie-aktuell.de

Weiterführende Informationen:

David A. Richards & Aaron C. H. Schat (2011). Attachment at (not to) work: Applying attachment theory to explain individual behavior in organizations (Abstract). Journal of Applied Psychology, 96, 169-182.

Kim Bartholomew & Leonard M. Horowitz (1991). Attachment styles among young adults: A test of a four-category model. Journal of Personality and Social Psychology, 61, 226-244.

John Bowlby (1973). Attachment and loss. Vol. 2. Separation. New York: Basic Books.

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