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Forschung zu Frauen und Karriere

12. Oktober 2017

Als Mutter zurück in den Job? Das hängt auch vom Vater des Kindes ab

Fünf Fragen an Diplom-Psychologin Anna M. Stertz

Alle Hefte im ÜberblickNach der Geburt eines Kindes stehen die Eltern vor weitreichenden Entscheidungen: Wer soll wie lange Elternzeit nehmen? Sollen beide Partner nach der Elternzeit wieder arbeiten? Wer sollte die Arbeitszeit reduzieren? Dass dabei die Einstellungen zu Geschlechterrollen eine entscheidende Rolle spielen, zeigt die kürzlich veröffentlichte Studie „Gender-role attitudes and parental work-decisions after childbirth: A longitudinal perspective with dual earner couples“. Dafür befragten Forscherinnen 306 Paare zu ihren Rollenvorstellungen und beruflichen Veränderungen im Zuge der Elternschaft. Hauptautorin der Publikation ist Anna M. Stertz, Psychologin an der RWTH Aachen und Mitarbeiterin der Projektleiterin Professorin Bettina S. Wiese. Isabel Nitzsche, Redaktionsleiterin von Wirtschaftspsychologie aktuell, sprach mit Stertz über die Studie.

Anna M. Stertz

Anna M. Stertz,
Diplom-Psychologin


1. Im Jahr 2017 sollte man meinen, dass es bei Frauen von der eigenen Einstellung abhängt, ob sie nach der Geburt eines Kindes weiter arbeiten oder nicht. Was hat Ihre Studie dazu gezeigt?

Wir haben untersucht, wie die eigene Einstellung zu Geschlechterrollen und die des Partners in dieser Hinsicht zusammenhängen. Unsere Analysen zeigen, wie sehr diese Entscheidungen von Paardynamiken beeinflusst werden. Konkret zeigen unsere Daten, dass die Geschlechterrollenvorstellungen des Partners für Frauen nach der Geburt des Kindes eine maßgebliche Rolle für ihre beruflichen Entscheidungen spielen. Frauen mit traditionelleren Partnern nahmen längere berufliche Auszeiten, Frauen mit gleichberechtigt eingestellten Partnern vergleichsweise kürzere. Erstere reduzierten ihre Arbeitsstunden deutlicher und setzten im Durchschnitt 14 Monate wegen eines Kindes aus. Bei Frauen mit eher egalitär eingestellten Partnern waren im Durchschnitt nur zehn Monate. Man kann zwar nicht sagen, dass die Einstellungen der Frauen völlig unbedeutend sind, aber die Einstellungen des Partners haben ebenfalls einen wichtigen Einfluss auf die Frauen.

2. Wie erklären Sie sich den großen Einfluss der Väter?

Der Grund dafür könnte darin liegen, dass Frauen generell stärker zur Berücksichtigung der Bedürfnisse ihres sozialen Umfelds und damit auch des Partners neigen. Außerdem ändert sich für die Mütter ihre Lebenssituation mit der Schwangerschaft und der Geburt des Kindes stärker als für die Väter. Mütter berichten auch über stärkere Unsicherheiten nach der Geburt eines Kindes als Väter. In dieser Phase könnte eine Orientierung an den Präferenzen des Partners hilfreich und entlastend sein.

3. Wovon hängt es bei den Vätern ab, ob sie nach der Geburt eines Kindes weiterarbeiten oder nicht?

Väter treffen ihre Entscheidungen unabhängiger.  Sie ließen sich nicht von den Geschlechterrollenvorstellungen der Mütter beeinflussen. Gleichberechtigt eingestellte Väter verringerten ihre Arbeitszeiten stärker als traditionell eingestellte Väter. Wie andere Studien bereits gezeigt haben, spielten die Sorge vor negativen Konsequenzen, den Reaktionen des beruflichen Umfelds, die Angst vor dem Verlust der eigenen Qualifikation sowie ökonomische Faktoren eine Rolle.

4. Was empfehlen Sie Frauen, die nach der Geburt wieder arbeiten wollen, sich aber unsicher sind, ob sie das in die Tat umsetzen werden?

Frauen sollten sich ihre eigenen Prioritäten bewusst machen. Sie sollten sich überlegen, welche Konsequenzen ein längeres berufliches Aussetzen für sie persönlich hätte und was es für ihre Karriere bedeuten würde. Sie sollten die Verantwortung für sich übernehmen und auch bereit sein, sich mit einem Konflikt auseinanderzusetzen, wenn der Partner andere Vorstellungen hat. Dabei ist es natürlich auch wichtig, sich frühzeitig mit dem Partner über die Vorstellungen auszutauschen.

5. Was empfehlen Sie Unternehmen, die Frauen während oder nach der Familienzeit weiterbeschäftigen wollen?

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In unseren Analysen ging es nicht spezifisch um Unternehmen. Für Vorgesetzte könnte es zwar hilfreich sein, wenn sie wissen, wie die Rollenvorstellungen ihrer Mitarbeiterinnen und deren Partnern aussehen. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass solche  Fragen als zu privat angesehen werden können. Da, wo es als angemessen empfunden wird, etwa bei einer externen Karriereberatung, sollte die Arbeitssituation und die Einstellung des Partners mitberücksichtigt werden.

Isabel Nitzsche

Isabel Nitzsche, Redaktionsleiterin von Wirtschaftspsychologie aktuell, interviewt Wissenschaftler zum Thema „Frauen und Karriere“


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Weiterführende Informationen:

Stertz, A. M., Grether, T. & Wiese, B. S. (2017). Gender-role attitudes and parental work-decisions after childbirth: A longitudinal perspective with dual earner couples. Journal of Vocational Behavior, 101, 104–118. doi: 10.1016/j.jvb.2017.05.005.

Im Themenschwerpunkt „Arbeiten in Balance“ stehen neue Erkenntnisse zu Resilienz, Achtsamkeit in Unternehmen, Digitaler Disbalance und angemessener Beurteilung von psychischer Gefährdung am Arbeitsplatz.

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