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Fachbuch im Fokus

23. März 2017

Coaching, Beratung und Gehirn: Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Gerhard Roth, Alica Ryba:
Coaching, Beratung und Gehirn: Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte.
Klett-Cotta, Stuttgart 2016,
382 Seiten, 29,95 Euro.

Wer herausfordernde berufliche oder persönliche Ziele erreichen möchte, stößt früher oder später auf eine Vielzahl von Beratungsangeboten, die unter dem Label „Coaching“ angeboten werden. Doch auf welcher wissenschaftlich fundierten Grundlage und mit welchen wirksamen Methoden arbeiten Coaches eigentlich?

Sechs Systeme

Die Autoren sind mit dem Anspruch angetreten, einen substanziellen Beitrag für mehr Qualität im Coaching zu liefern. Nach einer guten Einführung in das Thema Coaching und seine Abgrenzung zur Psychotherapie werden das menschliche Gehirn und seine Grundfunktionen beschrieben. Die Autoren stellen ferner ein interessantes, selbst entwickeltes Modell vor.

Es unterteilt sich in vier strukturell-funktionale Ebenen im Gehirn (drei limbische und eine kognitiv-sprachliche). Ergänzt werden diese vier Ebenen durch sechs psychoneurale Grundsysteme wie Stressverarbeitung oder Impulshemmung. Das Modell soll die Entstehung und Ausprägung von Psyche und Persönlichkeit neurobiologisch erklären. Dadurch kann dann die strukturelle Dynamik einer Persönlichkeit besser erfasst werden.

Hauptsache Gefühle

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Weiter geht es mit den Themen Lernen, Gedächtnis, Bewusstsein, Motive und Bindung. Nicht Rationalität und Verstand, sondern un- und vorbewusste (Bewertungs-)Prozesse steuern das Verhalten stärker. Auch ist der Mensch eher ein fühlendes Wesen (mit etwas Verstand angereichert). Daher ist es wichtig, auch Emotionen anzusprechen, wenn Veränderungsprozesse nachhaltig wirken sollen.

Die Psychoanalyse nach Freud und die hypnotherapeutische Schule nach Erickson werden in Grundzügen vorgestellt. An beiden Ansätzen kritisieren die Autoren unter anderem die Annahme, dass man Unbewusstes sichtbar machen könne, dies sei wissenschaftlich unhaltbar. Der Zugang zum Vorbewussten hingegen wäre möglich.

Einem Drittel hilft es

Doch was wirkt denn nun im Coaching? Die meisten Coaching-Richtungen haben kein stimmiges Erklärungsmodell, warum ihr Verfahren überhaupt wirken soll. Noch viel schlimmer ist jedoch das Fehlen von empirischen Belegen zur Wirksamkeit. Die persönliche Erfahrung wird von Praktikern meist höher gewichtet als deren empirische und theoretische Fundierung.

Daher wird die Wirksamkeitsforschung in der Psychotherapie näher betrachtet. Es zeigt sich, dass dort zwar mehr Evidenz existiert, aber zwischen Wirklichkeit und Anspruch meist eine große Kluft besteht. Anscheinend gelingt es im Schnitt nur einem Drittel der Klienten, nachhaltig positive Veränderungen zu erzielen. Einem weiteren Drittel gelingt dies eher weniger und einem Drittel gar nicht.

Bedeutsame Beziehung

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Neben den vielen Wirkfaktoren scheinen die Beziehung zum Coach oder zum Therapeuten und der Glaube an die eingesetzte Methode – egal wie obskur sie auch sein mag – von großer Bedeutung für eine nachhaltige Änderung zu sein. Hier weisen die Autoren auf einen wichtigen Punkt hin, der sowohl die Zufriedenheit als auch die Erfolge von Klienten erklären könnte, auch wenn die Verfahren und Methoden unterschiedlicher nicht sein könnten.

Das Buch stellt eine spannende und reflektierte Betrachtung der neurobiologischen und psychologischen Grundlagen einer Wirksamkeit im Coaching dar. Die beiden Autoren Roth und Ryba scheuen sich nicht, Kritisches anzusprechen, und plädieren für ein evidenzbasiertes Coaching. Ohne entsprechende Qualifikation und ohne eine wissenschaftlich fundierte Wissensbasis kann es zu keiner reflektierten Handlungskompetenz kommen. Das Buch liefert einen gelungenen Beitrag zur Professionalisierung im Coaching

Rouven Schäfer, Leiter Human Resources Management, DocCheck, Köln

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