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Fachbuch im Fokus

16. März 2017

NeuroeconomicsChristian Montag, Martin Reuter (Hrsg.):
Neuroeconomics.
Springer, Berlin 2016,
511 Seiten, 96,29 Euro.

Die Neuroökonomie ist ein junges Forschungsgebiet, das wie viele moderne Wissenschaftsgebiete mehrere eigenständige Disziplinen umfasst und versucht, deren Wissen und Methoden sinnvoll zu integrieren.

Verschiedene Sprachen und Methoden

In diesem Fall handelt es sich um eine Zusammenarbeit zwischen den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Verhaltensökonomie. Ziel des Unterfangens ist es, menschliche Entscheidungen unter einer ökonomischen Perspektive zu analysieren und die kognitiven und affektiven Prozesse zu studieren, die vor Entscheidungen im Gehirn ablaufen.

Das Problem bei dieser Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Disziplinen ist oft, dass verschiedene Sprachen gesprochen und unterschiedliche Methoden verwendet werden. Das vorliegende, komplett englischsprachige Buch möchte deshalb eine gemeinsame Grundlage für an Neuroökonomie Interessierte schaffen und bietet einen wirklich umfassenden Überblick.

Moleküle, Gene und Menschen

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Nach einer kurzen informativen Einleitung sind die gut 500 Seiten in sieben Teile aufgeteilt. In Teil eins untersucht ein einzelner Beitrag die Anwendung der Spieltheorie innerhalb der Neuroökonomie. Der zweite Teil wird dann sehr basal und widmet sich der molekularen Grundlage von Entscheidungen, also zum Beispiel der Rolle von Hormonen oder auch Genen.

Der dritte und vierte Teil erweitern den Fokus und beschäftigen sich mit Faktoren in der Umwelt, der Situation oder mit sozialen Zusammenhängen, die Einfluss auf menschliche Entscheidungen nehmen können. In der Gesamtschau der Beiträge bis hierhin zeigt sich wieder einmal, wie extrem komplex es ist, menschliches Verhalten zuverlässig vorhersagen zu wollen, und wie stark vereinfachend die bisherigen entsprechenden Modelle in der Ökonomie waren.

Leben im Tomografen

In Teil fünf sind Beiträge versammelt, die sich mit der Entwicklung des Entscheidungsverhaltens oder mit dem sozialen Entscheidungsverhalten von Personen mit psychischen Erkrankungen beschäftigen. Dass es sich bei der Neuroökonomie um ein relativ junges Forschungsgebiet handelt, illustriert die Tatsache, dass der sechste Teil des Buchs, „Angewandte Neuroökonomie“, aus nur einem neun Seiten umfassenden Beitrag besteht, der sich mit Neuromarketing beschäftigt.

Aus der Sicht der eher anwendungsorientierten Leser wäre es wünschenswert gewesen, dass dieser Teil etwas umfangreicher ausgefallen wäre. Auch eine kritische Diskussion der ökologischen Validität der oft in Studien mit bildgebenden Verfahren gewonnenen Erkenntnisse wäre hier angebracht gewesen: Wie lebensnah ist es, Entscheidungen in dem extremen Setting „Ich befinde mich in einem Magnetresonanztomografen“ zu treffen?

Bereitschaft zum Durcharbeiten

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Für diese Lücke entschädigt der rund 150 Seiten lange Teil sieben mehr als ausreichend. Er bietet einen umfassenden Überblick über Methoden in den Neurowissenschaften wie die Messung von Augenbewegungen oder der elektrodermalen Aktivität. Auch die Beiträge zu Hormonen und Genen sind für Nicht-Fachleute äußerst hilfreich und ermöglichen ein vertieftes Verständnis der in Teil zwei präsentierten Ergebnisse.

Insgesamt handelt es sich um eine wissenschaftliche Einführung auf hohem Niveau, die sich naturgemäß an Wissenschaftler richtet, aber auch von Praktikern mit einer gewissen Vorbildung mit Gewinn gelesen werden kann – allerdings nur bei entsprechendem Interesse und der Bereitschaft, etwas Zeit fürs aktive Durcharbeiten der anspruchsvollen Beiträge zu investieren.

Wer diese neuroökonomische Entscheidung einmal getroffen hat, wird sie nicht bereuen und mit einer umfassenden Grundbildung in Neuroökonomie belohnt. Vor allem der Methodenteil ist sehr nützlich und rechtfertigt schon allein den Kauf des Buchs.

Bernd Kaderschabek, Kommunikationsberater, Straubing

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