Liebe
Leserinnen und Leser,die durchschnittliche Arbeitszeit von Managern liegt bei 54 Wochenstunden, bei Vorständen und Geschäftsführern sind es 57 Stunden. Tendenz steigend. Das hat der Berufsverband „Die Führungskräfte“ ermittelt. Ständige Erreichbarkeit gehört heute aber auch für viele Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung zum Normalfall. Dazu kommt der steigende Leistungsdruck. Nur wer sich in seinem Job voll einsetzt, macht Karriere oder entgeht dem Jobverlust. Da ist zum Beispiel die Managerin, die bereits drei Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder ihren Job ausübt, internationale Reisen inklusive. Oder der IT-Spezialist, der seit Monaten kein freies Wochenende mehr hat, weil er sonst seine Arbeit nicht bewältigen kann. In Unternehmen werden solche Mitarbeiter gern als Vorbilder gefeiert. Welche impliziten Anforderungen damit vermittelt werden, bedenkt kaum einer. Und wenn die vermeintlich so belastbaren Mitarbeiter plötzlich zusammenbrechen, ist die Verwunderung groß. Doch dauerhafter Stress im Job und fehlender Ausgleich in der Freizeit führen nicht selten zu körperlichen und psychischen Problemen bis hin zum Burnout. Kein Wunder, dass der Begriff in letzter Zeit eine steile Karriere hingelegt hat. Die Erschöpfungsdepression als Trophäe für den modernen Helden der Arbeit? Ausgebrannt kann schließlich nur sein, wer sich in seinem Job übermäßig engagiert hat. „Die Selbstverständlichkeit, mit der heute über Burnout gesprochen wird, steht in krassem Missverhältnis zur wissenschaftlichen Evidenz“, sagt Professor Dr. Andreas Hillert, Burnout-Experte und Chefarzt der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Schon die Frage, wie Burnout diagnostiziert werden soll, sei bis heute ungelöst, geschweige denn gebe es eine spezifische Burnout-Prävention oder Therapie. Doch gerade diese Vagheit des Begriffs macht es leicht, sich mit ihm zu identifizieren. „Burnout hat das Potenzial zur Rettung des Individuums in der postmodernen Lebens- und Arbeitswelt“, sagt Professor Hillert. Und die Stress-Industrie boomt. Unzählige Ratgeber überschwemmen den Markt und versprechen das ultimative Rezept gegen die permanente Überlastung. Wellness-Hotels offerieren Massagen gegen Burnout, Yoga-Lehrer bieten Kurse in Business-Yoga an und Mediziner kreieren exklusive Stressprogramme für Topmanager. Berater und Experten sind gefragter denn je. Da verwundert es nicht, dass selbst die Anti-Stress-Profis inzwischen auffallend oft über Stress und Überlastung klagen. Stress wird auch weiter zu den wichtigen Themen in unserer Arbeitswelt gehören. Erfolgreiche Unternehmen wissen, dass sie sich auch um die psychischen Probleme ihrer Mitarbeiter kümmern müssen. „Der Vorgesetzte beeinflusst die Gesundheit seiner Mitarbeiter häufig mehr als ihr behandelnder Arzt“, erklärt Dr. Andreas Tautz, Chief Medical Officer bei der Deutschen Post DHL. Effektive Stress-Prophylaxe funktioniert daher nur, wenn sie das gesamte Arbeitsumfeld einbezieht. Hier liegt eine der größten Herausforderungen für Unternehmen, die erkannt haben, dass es trotz globalen Wettbewerbs und steigenden Kostendrucks vor allem auf ihr leistungsfähiges Humankapital ankommt. Ihr Dr. Jürgen Smettan |