Liebe
Leserinnen und Leser,Ende der 90er-Jahre suchten die beiden Studenten Sergey Brin und Larry Page vergeblich Investoren für ihre neue Suchmaschine. Erst als ihnen der in den USA lebende Deutsche Andreas von Bechtolsheim bei einem Treffen spontan einen Scheck über 100 000 Dollar ausschrieb, gründeten sie in einer gemieteten Garage ihre Firma Google. Der Mitgründer von Sun Microsystems glaubte an die beiden. 2008 hatte Google Einnahmen in Höhe von 21,8 Milliarden US-Dollar. Auch wenn nicht jedes Unternehmen eine so große Erfolgsgeschichte schreibt – ob aus einer guten Idee ein erfolgreiches Unternehmen wird, hängt stets auch von Zufällen ab. Man braucht die richtigen Geldgeber und Förderer, das wirtschaftliche Know-how und vor allem Durchhaltevermögen. Wer ein Unternehmen gründet, muss damit rechnen, dass er scheitert. Aber genau das ist es, was vor allem die Deutschen abschreckt. Denn wer scheitert, gilt hierzulande noch immer als Versager. Kein Wunder, dass Deutschland seit Jahren weltweit zu den Schlusslichtern zählt, wenn es um die Zahl der Gründungen geht. Das zeigt die jährlich durchgeführte Studie „Global Entrepreneurship Monitor“. Dort liegt die „gesamtunternehmerische Aktivität“ in Deutschland bei einem Wert von 7,7. In Indien sind es 27,6, in Griechenland 22,6. Schlechter als Deutschland schneiden nur noch Belgien, Russland und Rumänien ab. Interessant ist auch eine andere Zahl: Unter den reichen Ländern werden in Deutschland die meisten Unternehmen aus dem Mangel an guten Alternativen heraus gegründet. Viele werden also Unternehmer aus Not und nicht aus Leidenschaft. Ihre Zahl dürfte in Zukunft weiter zunehmen. Experten glauben, dass der Anteil der „Normalbeschäftigten“ von derzeit 77 Prozent weiter sinken wird – zugunsten freier Mitarbeiter. Das betrifft die Reinigungsfrau genauso wie den IT-Experten oder den Coach. Immer mehr machen sich selbstständig, weil sie keinen festen Job finden. Sie werden zum Unternehmer in eigener Sache, müssen sich selbst um ihre Aufträge kümmern und ihre Finanzen im Griff haben. Unternehmer zu sein oder zu werden ist eine enorme persönliche Herausforderung. Aber es ist auch eine große Chance. Man kann seine kreativen und innovativen Ideen verwirklichen, Arbeitsplätze schaffen und Dienstleister beschäftigen und so auch etwas für den gesellschaftlichen Wohlstand tun. Seit Jahren gibt es unzählige Initiativen und Fördermaßnahmen für Gründer. Im Vordergrund steht dabei jedoch fast immer die finanzielle und betriebswirtschaftliche Seite. Auch die Entrepreneurship-Forschung ist bisher fest in den Händen der Ökonomen. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Psychologie gerade beim Unternehmertum eine wichtige Rolle spielt. Das beginnt bei der Erforschung der Gründungsmotivation. Warum gründen manche trotz hoher Risiken eine Firma, während andere selbst erfolgversprechende Chancen nicht ausnützen? Aber auch der Umgang mit Rückschlägen oder das Fällen von weitreichenden Entscheidungen gehört zum täglichen Brot eines Unternehmers. Hier eröffnet sich für Wirtschaftspsychologen ein weites Feld für Coaching und Beratung. hr Dr. Jürgen Smettan |