Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management
Hier einzelne Ausgaben bestellen.
Wirtschaftspsychologie aktuell – Zeitschrift für Personal und Management Hier einzelne Ausgaben bestellen. Wirtschaftspsychologie aktuell
Dr. SmettanLiebe Leserinnen und Leser,

wenn in Deutschland das Stichwort Diversity fällt, dann geht es meist um Frauen und darum, was Unternehmen tun können, damit mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Hilft die Einrichtung eines Betriebskindergartens oder letztlich nur die gesetzlich vorgeschriebene Quote? Doch Vielfalt umfasst weitaus mehr als Frauenförderung. Es gilt, Menschen in ihrer komplexen Verschiedenartigkeit – in Bezug auf Kultur, Geschlecht, Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung oder Religion – zu akzeptieren und ihre unterschiedlichen Perspektiven und Vorstellungen zu nutzen.

Hier gibt es in Deutschland noch viel Nachholbedarf. Vor allem bei Menschen mit Migrationshintergrund. Ihre Chancen, einen Arbeitsplatz zu bekommen oder Karriere zu machen, sind noch immer deutlich geringer. Längst gibt es auch in Deutschland einen Brain-Drain. So gehen zum Beispiel immer mehr in Deutschland aufgewachsene Türken in die Türkei zurück, weil sie dort bessere berufliche Chancen haben.

Dass Diversity-Management für Unternehmen langfristig immer wichtiger wird, ist längst unbestritten. Dennoch verfolgen viele Firmen bisher noch eine reaktive Strategie. Das Managen von Vielfalt wird als Kostenfaktor angesehen und nicht als strategische Ressource, um die eigene Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen, Innovationen zu fördern und neue Märkte zu erschließen. Erst allmählich setzt hier ein Umdenken ein.

Auch wissenschaftlich ist das Thema eine Herausforderung. Schließlich unterscheiden sich Mitarbeiter nicht nur in einer Dimension voneinander, und Teams sind verschieden divers. Daran scheitern bisher viele Forschungsvorhaben. Hier bietet ein Konzept aus der Geologie interessante Ansatzpunkte. Bisher fehlen aber auch verlässliche Studien dazu, ob und wann sich Vielfalt tatsächlich im Sinne einer verbesserten Leistung oder Innovationsfähigkeit auszahlt. Schließlich führt sie auch fast zwangsläufig zu einem höheren Konfliktpotenzial. Wenn verschiedene Sichtweisen und Mentalitäten aufeinanderprallen, bedarf es einer klugen Führung, um das andere als sinnvolle Bereicherung für alle zu nutzen.

Der Umgang mit Diversity ist immer auch ein zutiefst psychologisches Thema. Menschen neigen nun mal dazu, sich an Vertrautem festzuhalten und Unbekanntes oder anderes abzulehnen. Oftmals geschieht das sogar nicht einmal bewusst. Man ist einer „andersartigen Person“ gegenüber zwar eigentlich nicht negativ eingestellt, aber es fehlen einem schlichtweg Informationen über diese Personengruppe. So mancher greift dann schnell auf Vorurteile oder Halbwissen zurück. Das gilt ganz besonders auch für Führungskräfte. Sie neigen dazu, Mitarbeiter einzustellen oder zu befördern, die ähnlich wie sie selbst sind und einen ähnlichen Arbeitsstil haben. Wenn der Autohersteller Daimler seine Führungskräfte inzwischen in entsprechenden Workshops für solche Automatismen sensibilisiert, ist das sicher ein richtiger Weg.

Bei Diversität geht es also immer auch um die Sensibilisierung für die eigenen Denk- und Verhaltensweisen. Vielfalt beginnt daher stets im eigenen Kopf.


Ihr Wilhelm Schilling

Diplom-Psychologe, Vorsitzender des Vorstands der Sektion Wirtschaftspsychologie im BDP e. V.

PF